Peace


by Georg Osswald

Von 1975 bis 1980 werden zwischen Manchester und Leeds eine Reihe junger Frauen entführt, geschändet und ermordet. Es sind die dunkelsten Jahre in der Polizeigeschichte Nordenglands. Weil an seinem Auto falsche Nummernschilder angebracht sind, wird im Januar 1981 Peter Sutcliffes Wagen angehalten. Bei ihm befindet sich eine Prostituierte. Außerdem sind ein Messer, ein Hammer und ein Strick in dem Fahrzeug. Die typischen „Werkzeuge“ des Yorkshire Rippers. Peter Sutcliffe wird festgenommen. Drei Tage später gesteht er dreizehn Morde und sieben schwere Attacken auf Frauen und Mädchen. Ein ganzer Landstrich atmet wieder auf. David Peace war zu jener Zeit ein Junge, der in dieser Gegend aufwuchs. Heute ist er vierzig Jahre alt, lebt in Tokio und hat über den Ripper und das damalige Yorkshire geschrieben. Vier Romane. 1983 ist der vierte und abschließende Band seines Red Riding Quartetts. Die ersten drei sind 1974, 1977 und 1980.

Du hast Träume…

1983 verschwindet wieder ein Schulmädchen in Yorkshire. Detective Chief Superintendent Maurice Jobson übernimmt die Ermittlungen. Wenige Tage später präsentiert Jobson einen Hauptverdächtigen. Als der angeblich Selbstmord in der Untersuchungshaft begeht, beginnt der Anwalt John Piggott den Fall zu hinterfragen. Dazu muss er runtersteigen in die Schattenwelt Yorkshires. Pornohandel, dubiose Immobiliengeschäfte und Kindesentführungen, die bis in die höchsten Kreise der lokalen Politik reichen, pflastern seine Recherchen.

Und in Deinen Träumen…

1983 liest sich wie das Gegenmodell zu den Vorgängerromanen der Serie. Seine drei Erzählstränge ergänzen, was in der Hysterie auf der Jagd nach dem Ripper und dessen Festnahme verloren ging. David Peace führt den Leser aus der Sicht des Polizisten Jobson und der des Anwalts Piggott auf die Pfade in die Vergangenheit von Mord und Machtbesessenheit. Der dritte Erzählstrang wird aus der Perspektive einer verlorenen Seele erzählt und leuchtet wie ein weiterer Lichtstrahl in den dunklen Raum, der nach wie vor um Peter Sutcliffe herum besteht. Zusammen ergeben die drei Parallelerzählungen das Finale des Red Riding Quartetts. Der große Plot am Ende einer Epoche. Und der ist hässlich.

In deinen Träumen hast du Flügel…

Alle vier Bücher sind literarisch schwer vergleichbar. Sie werden bestimmt von einem so enorm hohen Erzähltempo, dass man dazu geneigt ist, sich vor der Lektüre innerlich anzuschnallen. Das zentrale Thema in ihnen ist Mord. David Peace erspart dem Leser nichts. Wenn der große böse Wolf das Rotkäppchen zu fassen kriegt, dann fließt eben Blut, und am Ende ist das Mädchen tot. Es ist abstoßend, brutal, zerstörend. Man kann es sich vielleicht so vorstellen: der Autor David Peace wandert auf dem Boden eines tiefen, schwarzen Abgrunds herum und blickt immer mal nach oben. Und dort schaut er in die vom Wahn getränkten Gesichter all derer, die zu lange hinabstarren, und beschreibt, was in ihnen zu sehen ist.

Doch all diese Flügel in all deinen Träumen…

Zum Glück seiner Leser ist David Peace ein Besessener. Besessen vom berühmten Zwang zur Prosa. Elf Stunden täglich schreibt er. Vier schläft er. Den Rest des Tages widmet er seiner Familie. Momentan arbeitet er an einer Tokio Trilogie, der wie auch beim Red Riding Quartett die Geschichten realer Serienmörder zugrunde liegen. Im ersten Tokio-Band mordet ein Mann im von den Amerikanern besetzten Nachkriegs-Japan. Es ist heiß, der Nuklearwind von Nagasaki und Hiroshima weht trocken über das Land, und neben den vielen Kriegs- und Strahlungstoten in den Gräben liegen auch noch missbrauchte, zerrhackte Frauenkörper. Peace sagt in einem Interview, dass wenn die Ripper Bücher grau waren, die Japan Bücher schwarz werden.

Sind riesige, verrottende Dinger…

Die Bücher von David Peace sind im Liebeskind Verlag lieferbar.

Flattr this

Über diehalde

The Parasitic Ward
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Buch, Crime abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Peace

  1. cast2dayRoland schreibt:

    Hier also Artikel 2 aus der alten goon-magazin Reihe.

    Roland

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s