Memo von der Todesfee von Guadalupe: Cartel Land


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Ich habe einen mittelgroßen Kommentar zu der Dokumentation Cartel Land von Matthew Heineman verfasst. Ein erschütternder Film über den Drogenkrieg in Mexiko, das Kartellkarusell und die Arizona Border Recon. Findet sich im Kosmos von Der Freitag. Hier der Link.

Und hier nun der leicht veränderte Text.

Memo von der Todesfee von Guadalupe: Cartel Land

Die Behörden

1972 prägte Richard Nixon den Begriff „War on Drugs“. Gemeint war damit eine Reihe von Maßnahmen gegen Herstellung, Handel und Konsum illegaler Drogen. Als erstes wurde eine spezialisierte Behörde zur Eindämmung der Nutzung von Drogen in den USA geschaffen. Die DEA (Drug Enforcement Administration). Ihre Hauptaufgabe sieht die Behörde darin, die organisierte Drogenkriminalität zu verfolgen. Das beinhaltet der Sache nach eine enge Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Strafverfolgungsorganisationen, Konzeption und Durchsetzung von Antidrogenkampagnen, und die Bekämpfung von Schmuggel und Geldwäsche. Sie setzt politische und wirtschaftliche Sanktionen ein, um Druck auf Regierungen und Drogenproduzenten in den Herstellerländern auszuüben. Auch mit operativen Einsätzen. Im Inland wie im Ausland. Unvergesslich bleiben die Bilder aus den Neunziger Jahren, als man im kolumbianischen Fernsehen amerikanische Sonderkommandos die Labore und Kokafelder des Medellinkartells zerstören sehen konnte. Ein Kanal weiter gab es den Kartellsender, der Macht und Protz ausstrahlte, und eine Kampagne gegen das Auslieferungsgesetz von heimischen Narcotraficantes in die USA fuhr. Eine detaillierte Auflistung ihre Mission findet sich auf der Webseite der DEA. Nachdem in diesem Frühjahr bekannt wurde, dass sich die Behördenleiterin Michele Leonhart und einige Agenten der DEA in Kolumbien von Kartellen mit Sex-Parties, Waffen und Luxusgütern bezahlen ließen, steht die Frage im Raum, ob die Behörde überhaupt noch ein ernstzunehmendes Existenzrecht hat. Aber das ist wohl keine Ausnahme bei Behörden dieser Art (siehe ATF, FBI oder USMS). 1989 stellte die amerikanische Regierung im Anti-Drug-Abuse Act der DEA eine Schwesterorganisation mit Namen ONDCP (Office of National Drug Control Policy) zur Seite, weil sich abzeichnete, dass ihr Krieg nicht auf die Schnelle zu gewinnen sein würde, und vor allem, weil sich nichts daran änderte, dass die USA der größte Drogenabnehmer weltweit blieb und immer noch ist. Die ONDCP ist vorrangig mit der Aufgabe betreut dem amerikanischen Volk die Gefahren des Drogenmissbrauchs vor Augen zu führen. 2009 riet ihr Direktor Gil Kerlikowske der Obama Administration den Begriff „War on Drugs“ nicht mehr zu verwenden. Der sei kontraproduktiv. Mit geschätzten 51 Milliarden Dollar jährlich schien eine Summe erreicht im Kampf gegen die Drogen, der ein Umdenken verlangte.

Was ist seither passiert? Blickt man in die USA oder an den amerikanisch-mexikanischen Grenzzaun, oder darüberhinaus nach Mexiko selbst, scheint es kein griffiges Konfliktlösungsprogramm zu geben. Verfolgt man die Nachrichten aus Mexiko, zeigt sich vielmehr, dass der Krieg jedes Jahr brutaler ausgefochten wird. Ein amerikanisch-mexikanisch runder Tisch (auf Kuba, siehe FARC und Kolumbianische Regierung) würde wahrscheinlich leer bleiben oder schnell mit Vorwürfen, wüsten Beschimpfungen und am Ende mit Blut bedeckt. Vielleicht würden vorher mehrere Millionen Dollar an einige skrupellose Menschen fließen. Ein paar engagierte Politiker und Staatsanwälte mit einer Patrone im Kopf enden. Ihre Familien verschleppt, missbraucht, gefoltert, enthauptet und öffentlich zur Schau gestellt werden. NGOs würden genauso schnell in der ubiquitären Korruption kondensieren wie das Phenylaceton und Methylamin in den Polyethylenfässern irgendwo im Hinterland von Michoacán. Und niemand meldet sich und sagt, hier, ich bin euer Mann, der Go-Between schlechthin, ein Meister im Troubleshooting, ich wage mich an die Sache ran und bring Ruhe in euer Land. Doch von Ruhe kann keine Rede sein. Ein Ende im Drogenkrieg von Mexiko ist nicht in Sicht. Eventuell auch gar nicht beabsichtigt. Dieses Dilemma zeigt kaum ein Film so deutlich wie der Dokumentarfilm Cartel Land von Matthew Heineman.

Bigelow

Matthew Heineman hat mit seinem (unter anderem von Kathryn Bigelow produzierten) Dokumentarfilm auf dem diesjährigen Sundance Film Festival den Best Director Award und Special Jury Award for Cinematography erhalten. Auf dem Onlineportal Rotten Tomatoes wird der Film mit 94 Prozent bewertet. 2012 war Heineman schon mit dem Film Escape Fire: The Fight to Rescue American Healthcare aufgefallen, und vielen könnte der Mann von der HBO Serie The Alzheimer’s Project bekannt sein.

Auf Amerikanischer Seite

In Cartel Land begleitet Heineman die regelmäßigen Patrouillen zweier freiwilliger Bürgerwehren. Auf amerikanischer Seite die Arizona Border Recon (AZBR) und ihren Anführer Tim „Nailer“ Foley. Die AZBR betitelt sich auf ihrer Webseite selbst als NGO, bestehend aus ehemaligen Militärs, ehemaligen Vollzugsbeamten und wie es in ihrem About us/Über uns heißt; private security Americans. Darunter kann man sich viel vorstellen. Im Film sieht das so aus. Die Truppe schleicht in der Steppe von Arizona paramilitärisch ausgestattet am Grenzzaun entlang, um mexikanische Migranten aufzuspüren und dann irgendwas mit ihnen zu machen. Vielleicht der Polizei zu übergeben. Das zeigt Heineman leider nicht. Alle Mitglieder der AZBR sind weiß, fast immer mit US-Nationalemblemen tätowiert, professionell für einen Kriegseinsatz ausgerüstet und sprechen von allen Menschen außer sich selbst eigentlich nur von Fuckers, Motherfuckers oder Assholes. Tim Foley erzählt, dass ihre Bürgerwehr überhaupt nichts rassistisches beabsichtige, und diejenigen, die das behaupten, sollen doch mal ins Altar Valley kommen, und dann werden sie ja sehen, was passiert, wenn die mexikanischen Drogenkartelle in die Vereinigten Staaten von Amerika einfallen. Der amerikanische Teil der Dokumentation ist ein wenig dürftig erzählt. Die Präsenz in Filmminuten und die Nähe zu den Protagonisten ist schwächer als im mexikanischen Teil. Insgesamt soll damit wohl eine dichotome Wirkung erzielt werden, was nicht ganz klappt. Aber das schadet dem Gesamtwerk nicht.

Auf mexikanischer Seite

Auf mexikanischer Seite begleitet Heineman eine Autodefensa Gruppe in Michoacán. Ihr Anführer und Sprecher ist Dr. José Manuel Mireles Valverde. Die Idee der Autodefensas (so genannte Selbstverteidigungseinheiten), Policia Comunitaria oder Policia Popular kommt unter diesem Namen in Mexiko um 2012 auf. Tausende mexikanische Familien, die innerhalb der Machtgebiete von Kartellen leben, oder noch schlimmer in Bruderkriegsregionen, werden häufig von Kartellmitgliedern schikaniert, ausgeraubt oder entführt (Ein perfider Weise blühender Wirtschaftszweig der Kartelle, um Lösegelder zu erpressen). Nicht selten kommt es auch zu Missbrauch, Folter, Verbrennungen, Verstümmelungen und Enthauptungen, um später die Köpfe der so genannten Feinde an öffentlichen Orten zu platzieren. Die logische Konsequenz für die Menschen ist zu den Waffen zu greifen und sich zu wehren. So erging es auch Dr. Mireles. Er selbst war von einem Kartell entführt worden, und mehrere seiner Verwandten sind vom Kartell der Tempelritter (Caballeros Templarios) getötet worden.

In Michoacán war Anfang der Zehner Jahre das Kartell La Familia Michoacana in zwei rivalisierende Kartelle zerbrochen, die Tempelritter und La Familia. Ein anderes Kartell mit Namen Los Zetas wollte ebenfalls in dem Küstenstaat seinen Einfluss vergrößern. Aus den Los Zetas, eines der größten und einflussreichsten Kartelle Mexikos, hatte sich im übrigen um 2006 La Familia Michoacána abgespalten. Los Zetas entstand 1999 aus einer desertierten Spezialeinheit der mexikanischen Armee und ist in 20 Bundesstaaten in Mexiko, aber auch in Guatemala aktiv. Sie waren anfangs der militärische und äußerst brutale Arm des damals mächtigen Golfkartells, welches im Laufe der Zeit von den Zetas übernommen wurde. (Die Historie, Genealogie, Abspaltungen, Kriege, Bruderkriege und Wiedervereinigungen der Kartelle wären einen eigenen Artikel wert, wenn nicht gleich ein ganzes Buch. Siehe Mexican Cartels: An Encyclopedia of Mexico’s Crime and Drug Wars, James Creechan, George W. Grayson) Um das Prinzip im Kreislauf der Kartelle zu verstehen, ist es gut zu wissen, dass La Familia (Michoacana) wiederum ursprünglich als vigilante Gruppe in den 80er Jahren begonnen hatte. Eine möchtegern Robin Hood Gruppe, die dem Organisierten Verbrechen und Drogendealern das Geld stahl und ein Quentchen davon an die Armen verteilte. Bekanntermaßen hat jeder seinen Preis, und irgendwann waren sie übergelaufen zu den Zetas, oder tot oder in Haft. Eine komplett neue Familia hatte sich formiert und später wieder als Kartell selbständig gemacht. Dieser Minimaleinblick in die mexikanische Kartellhistorie zeigt, worum es in Cartel Land geht. Die Aussichtslosigkeit dem Terror von Organisierter Kriminalität in Allianz mit dem Staat zu entkommen. Und anhand des persönlichen Schicksals Doktor Mireles‘ zeigt Matthew Heineman den aktuellen Stand im mexikanischen Kartellkarussell.

Im Herbst 2013 gelingt der Autodefensa Gruppe um Dr. Mireles in Apatzingán, Tepalcatepec und anderen kleineren Orten in Michoacán die Mitglieder der Tempelritter zu vertreiben. Die Gruppe macht sich einen Namen, und versucht ihren Einfluss im Staat auszubauen. In dieser Phase begleitet Heineman den Arzt und die Gruppe. Eineinhalb Jahre lang. Er und seine Kamera werden Teil der Einheit. In einer Szene fährt der Filmemacher mit Mitgliedern der Gruppe im Auto durch eine noch nicht „befreite“ Stadt. Sie geraten unter Feuerbeschuss. Sofort springen alle aus dem Jeep und erwidern das Feuer. Die Männer suchen auf der Straße hinter parkenden Autos, in den Rinnsteingraben gedrückt usw. Schutz. Heineman bleibt für einige Sekunden allein auf der Straße zurück, während um ihn und die Kamera herum die Kugeln fliegen. Diese Szene wirkt derart intensiv, dass man beim zuschauen beinahe glauben könnte, es handle sich um eine Thrillersequenz von Michael Mann. Ein verstörender Verlauf in der Wahrnehmung überreizter Sehgewohnheit. Sie zeigt, dass zwischen Realität und Fiktion nicht mehr als unsere dauerbebilderte, bewegte und abstoßende Welt liegt.

Dr. Mireles

Der Doktor ist der herausstechende Protagonist im Film. Das ergibt sich von selbst. Immer wenn ein Dorf „befreit“ worden ist, stellt er sich auf den Hauptplatz und spricht zu den Bewohnern. Seine Eloquenz ist dabei bestechend effizient. Mit wenigen Sätzen erreicht er die Menschen. Sie heißen die Autodefensas in ihren Dörfern und Städten Willkommen. Heineman legt Mireles mit seiner Kamera einen medialen Teppich aus. Er begleitet ihn zur Arbeit in seine Arztpraxis, zu einem Familientreffen mit gemeinsamen Planschen im Pool, zu den Besprechungen der Befreiungsgruppe und seinem Leibwächter Estanislao Beltrán alias „Papa Pitufo“ (Papa Schlumpf), mit ins Haus seiner jungen Geliebten, und an einem intimen Punkt angelangt spricht Mireles sogar eine Botschaft in die Kamera für den Fall, dass er nicht mehr am Leben ist.

Dann gibt es einen Bruch in den Ereignissen. Auf den Weg in die Hauptstadt Mexiko D.F. stürzt das Flugzeug mit Mireles an Bord ab. Er überlebt schwer verletzt. Mehrere Monate muss er im Krankenhaus verbringen. Knochenbrüche, eine Hirnblutung, innere Verletzungen. Eine Gesichtshälfte bleibt gelähmt. Währenddessen verhandeln die Autodefensas, ihr neuer Sprecher ist Papa Pitufo, mit der Regierung. Der Staat beansprucht die Autorität im Land für sich und ruft die Autodefensas dazu auf die Waffen niederzulegen. Ihr Handeln ist illegal. Das Tragen schwerer Waffen und die Ausübung von Selbstjustiz muss geahndet werden. Wie und woher sich die Männer bis an die Zähne bewaffnen konnten, wird allerdings nicht erzählt. Der nur beschränkt mobile Mireles lehnt die Verhandlungen mit der Regierung ab, aber sein Stern innerhalb der Defensas ist gefallen. Papa Pitufo geht auf die Vorschläge der Regierung ein. Die Gruppe wird als neue Polizeieinheit in die Regierungsinstitutionen eingegliedert als so genannte Fuerzas Rurales del Gobierno (eine alte Tradition in Mexiko seit dem Regime von Benito Juárez 1861), um endlich den Kartellen das Handwerk zu legen. Ihre Waffen können sie behalten. Die Regierung stellt ihnen darüberhinaus neues Kriegsgerät. Und dann greift das Gesetz der Macht in alter Manier. Das Karussell dreht sich wieder ein wenig, und die neuen Rurales arbeiten Hand in Hand mit der Regierung, den Los Zetas, den Los Viagras und anderen Kartellen. Sie kochen Crystal Meth, betreiben Drogenhandel und Prostitution, erpressen und entführen. Einer von ihnen fasst es in die Kamera gesprochen so zusammen: „Was sollen wir schon anderes machen? Wir sind arm. Wenn es uns gut ginge, wären wir wie Ihr. Wir würden durch die Welt reisen und gute, saubere Jobs machen, so wie Ihr.“

P.S. Am 27.6.2014 wird José Manuel Mireles mit 45 weiteren Autodefensas wegen Verstoßes gegen das mexikanische Feuerwaffen- und Sprengstoffgesetz verhaftet. Zivilisten, die nicht Teil der Fuerza Rural sind und Waffen tragen, werden von der Regierung verfolgt und inhaftiert. Seitdem meldet sich der Doktor immer wieder aus dem Gefängnis zu Wort und attackiert verbal Regierung, Kartelle und die Fuerzas Rurales.

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Film: Cartel Land, Matthew Heineman, The Documentary GroupOur Time Projects

Buch: Mexican Cartels: An Encyclopedia of Mexico’s Crime and Drug Wars, James Creechan, George W. Grayson, Praeger Frederick

Blog: El Blog del Narco

Buch: Das Kartell, Don Winslow, Droemer Verlag

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