23 und Wir mit Nuancen


 

33c3

Um mich über die Welt, in der ich lebe, als Schreiberling, aber vor allem als Bürger, zu informieren, empfiehlt es sich den alljährlichen Chaos Communication Congress (zuletzt 33C3) zu verfolgen. Für nicht so betuchte Bürger ist hier von den Livestreamings der dort vorgetragenen Talks oder, noch komfortabler, von deren Aufzeichnungen die Rede. Und damit wäre der erste Punkt schon gemacht. Die gängige Arbeiterin (im klassischen Sinne) erlebt in den letzten Jahren einen kulturellen Wandel. Popkultur (im klassischen Sinne) ist so gut wie unerschwinglich geworden. Karten für Konzerte von aktuellen Popstars/Bands kosten 30€ aufwärts. Für Shows von den großen Stars löhnt man um die 100€ ++. Wer bei der Film-, Fernseh- und Serienproduktion am Ball bleiben möchte, zahlt für die dafür fälligen Abos, Mitgliedschaften oder Spenden auch schnell 50€ pro Monat, plus etwa 50€ monatlich für den dazugehörigen Internetanschluss. Einschränkung hier: Ein werbearmes, zu allen verfügbaren Informationen zugängliches, unzensiertes, schnelles und internationales Netz (VPN, Paywalls etc.) schlägt im günstigen Fall auch noch mal mit 50 € im Monat zu Buche. Kinobesuche sind in dieser Rechnung noch nicht vorgesehen. Kulturelle Angebote der ehemals etablierten Unterhaltungsindustrie hingegen gibt es dieser Tage beinahe für lau. Poetry Slams, Kunst in Galerien, eintrittsfreie Museumstage, klassische Konzerte im öffentlichen Raum und auch Theatervorführungen für kleine Preise sowie öffentliche Bibliotheken finden sich in jeder Stadt (auf dem Land im Übrigen genauso). Natürlich könnte man viele Beispiele und Gegenbeispiele aufzählen, von Subventionen und GEZ schwafeln usw., der Punkt ist, hier zeichnet sich eine Tendenz ab. Pop ist teuer, klassische Unterhaltung weniger. Umso erfreulicher ist es, dass die Talks, Shows, Podcasts und was auf dem 33C3 (Congress) sonst des Weges kommt, bislang gegen einen einfachen Downlink zu haben sind. Wie nähert man sich dem ganzen Spektakel also am besten an? Ganz einfach: Wahllos ein Video im ccc-tv anklicken, zurücklehnen, ein paar Oliven und Wasser in Griffnähe, und los geht es.

The Global Assassination Grid lautet der Titel des Vortrags eines ehemaligen U.S. Air Force Soldaten (73rd Air Control Squadron), der geholfen hat, im Auftrag Obamas den Drohnenkrieg in Afghanistan zu führen. Heute ist er Whistleblower und Unterstützer der Veterans for Peace und berichtet von seinen Erfahrungen im Squad und den Abschüssen von Zivilisten durch amerikanische Drohnen. Im Nebensatz erwähnt er, dass in den knapp hundert Jahren seit der Einführung des Espionage Acts von 1917 etwa gleich viele Menschen auf Grundlage dessen verfolgt wurden wie in Obamas Amtsjahren. Wer auf der berühmten Kill-List (Disposition Matrix) Baracks/Donalds landet, wird übrigens mitunter von privaten Unternehmen entschieden. Dass Targeting auch von Rammstein aus (24th Intelligence Squadron) betrieben wird, war wohl allgemein bekannt, aber für die Schlafmützen in den letzten Reihen unserer Abgeordnetenhäuser bestätigt unser Mann aus der 73ten das gerne noch einmal. Mit dem Drohnenkrieg ist es so eine Sache. Die Dinger sind für Militärs (vor allem für das JSOC – Joint Special Operations Command) so sexy, dass es niemand mehr für nötig befindet, eine offizielle Kriegserklärung zu formulieren, geschweige denn eine UNO-Resolution zu beantragen. So fliegen Militärapparate verschiedener Regierungen unbemanntes bewaffnetes Fluggerät kreuz und quer in der Welt herum und schießen Menschen ab. Zur allgemeinen Beunruhigung sollen das in Zukunft autonome Killer-Roboter übernehmen. Harter Stoff, das Ganze. Weiter nachgehen kann man dem Thema demnächst im Kino, in dem Dokumentarfilm National Bird von Sonnia Kennebeck, die ebenfalls anwesend war. In ein anderes Kriegsgebiet gelangt man, wenn man sich die Präsentation von The Syrian Archive anschaut. Darin geht es ganz simple und brutal um die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen im syrischen Krieg. Die vorgestellte Webseite versucht ein virtuelles Werkzeug für Journalisten, NGOs, Regierungen etc. anzubieten, um Kriegsverbrechen gegen Zivilisten verifizierbar zu machen und stößt an die bekannten Probleme. Allein die Metadaten eines Fotos oder Films reichen nicht aus, damit eine Information als bewiesen gelten kann. Zerstörung von Beweismaterial, Ermordung von Augenzeugen, Quellen mit sporadischem Internetzugang (wenn überhaupt), und mit  der Geolokalisierung wird von allen Seiten äußerst flapsig umgegangen.

Kleiner Exkurs: Auffällig war, dass beim 33C3 in mehreren Vorträgen (zum Beispiel Geolocation methods in mobile networks oder Bonsai Kitten waren mir lieber – Rechte Falschmeldungen in sozialen Netzwerken oder Berechnete Welt – Unsere Daten, die Zukunft und die zerstörte Demokratie) Geolokalisierung eine entscheidende Rolle gespielt hat. Da ich mal Kartographie erlernt habe und eine Zeitlang Kartenpunkte (damals hieß das noch so) für digitale Navigationssysteme erfassen musste, bin ich immer ein wenig skeptisch, wenn mir jemand Erkenntnisse auf irgendwelche netzbasierten Geoinformationen (Projektionen) vorlegt. Oh ja, das Problem der Generalisierung steht hier schon halb im Raum.

Ein weiteres viel bemerktes Phänomen und Schlagwort auf dem Kongress war Data-Mining. Dass nach Big Data nun das Mining (eigentlich KDD – Knowledge Discovery in Databases) folgt, liegt auf der Hand. Alle machen es. Regierungsbehörden, Social Media Unternehmen, Universitäten, Polizeibehörden, Marketingfirmen, das Fernsehen und Zeitungen (hehe), Künstler, Hacker, Du und ich (natürlich unbewusst – siehe A Data Point Walks Into a Bar – How cold data can make you feel things.). Allen voran stürmt hier natürlich wieder das FBI. Was seit Jahren die Spatzen von den Dächern zwitschern, führt der Talk Law Enforcement Are Hacking the Planet – How the FBI and local cops are hacking computers outside of their jurisdiction vor Augen. Das große Geschäft wittern an dieser Stelle mal wieder unsere Freunde der Marketingabteilungen. 2007 gab es ca. 500 Marketingbuden, die sich auf digitales Data-Mining spezialisiert haben, 2016 waren es ca. 4000; das erzählt jedenfalls ein junger Mann in seinem Referat mit dem illustren Titel Corporate surveillance, digital tracking, big data & privacy – How thousands of companies are profiling, categorizing, rating and affecting the lives of billions. Wer nun denkt, hah! ich bin ganz pfiffig bzw. zu smart für ein Smartphone und zu blöd für einen Computer, benutze ich beides nicht, also betrifft mich der ganze Unfug nicht, kann beruhigt werden, denn das Mining und Tracking übernehmen schon alle anderen. Zum Beispiel die lieben Freunde mit so schönen Spielchen wie Data Dealer. Oder noch gnadenloser, Crowd-control-Firmen wie Lobby Traffic Systems Inc. Neu ist Data-Mining natürlich nicht. Firmen wie zum Beispiel Acxiom haben ihre Griffel schon mehr als vierzig Jahre in unseren Daten. Nach der berechtigten Frage Qui garde les gardiens? – heißt es nun Qui poursuit les persécuteurs? Wem die genannten Bespiele noch keine Gänsehaut auf den geschundenen Unterarmen hervorrufen, der kann sich ja mal auf der Webseite von Netsweeper genauer umsehen. Und/oder den Talk State of Internet Censorship 2016 in seinem Browser starten. Nach dem Sammeln und Auswerten der Daten darf natürlich das Bewerten der gewonnenen Erkenntnisse nicht fehlen. Oder verkürzt gesagt: Erst Big Data, dann Data-Mining plus Scoring, und zum Schluss Predicting. Das kennt jeder, zum Beispiel aus der Spieltheorie (Min-Max-Theorem) oder aus der Bank (Kreditscoring) oder von der Bausparkasse (Geoscoring) oder vom Arzt (Scoring-System) oder von der Schufa (Vermieter)….Schöner veranschaulicht werden Funktion und Anwendung von Scoring in den Talks Technologien für und wider Digitale Souveränität und, wen wundert’s, in Law Enforcement Are Hacking… Die Wirkungsweise von Scoring im Internet auf einen Nenner gebracht, lautet so: The Rich See a Different Internet Than the Poor.

Unsere heutige Welt in Gänze erfassen und erklären kann ein Einzelner nicht mehr. Vor allem juristisch nicht. Das System ist entropisch so verdreht, dass auch ein gut aufgeklärter Bürger derangiert für sich bleibt. Und das ist mit großer Wahrscheinlichkeit beabsichtigt. Daher tut es gut, dass auf dem Kongress eine bunt gemischte Rechtsabteilung auf einige Bürgerrechte hinweist. Für mich als Laien müssen das ganz harte Socken sein. Gesetze gelten als Garant der Ordnung, als gute Sache. Ein Verstoß dagegen stellt demnach Unordnung dar, die es zu beseitigen gilt. Für unsere harten Socken scheint die bestehende Ordnung aus den Fugen geraten zu sein, deshalb ergreifen sie Mittel dagegen oder reichen Forderungen in Karlsruhe und Luxemburg ein, um die gewünschte Ordnung zu sichern bzw. wieder herzustellen. Dabei ist offenbar entscheidend, nicht noch mehr Unordnung hervorzurufen. Und das verlangt wirklich harte Arbeit. In dem Vortrag Check Your Police Record! – Polizeiliche Datenbanken und was man über seinen Auskunfts- und Löschungsanspruch wissen sollte klärt uns ein Rechtsanwalt über unsere grundlegenden Auskunftsansprüche auf und gibt uns nebenbei ein wenig Datenschmutz an die Hand. Ebenso wertvoll und praktisch sind die Ausführungen der beiden Referenten/Referentinnen im Kampf dem Abmahnunwesen – Wider die automatisierte Rechtsdurchsetzung. Der milliardenschweren Abmahnungsindustrie beizukommen, scheint im Moment nicht möglich, aber gleich das Handtuch zu werfen, ist eben auch keine Lösung. So gibt es seit einigen Monaten den Abmahnbeantworter. Leider ist der wunderbare Vortrag zeitlich auf eine gute halbe Stunde begrenzt, so dass die technische Seite etwas kurz kommt. Das ist mit Sicherheit Absicht. Es geht hier ja in erster Linie darum, sich den wilden Horden in Anwaltsroben da draußen zur Wehr zu setzen. Was man so hört, schwurbeln Advokaten, Richter und Sachverständige zu Gericht im Umgang mit Hashwerten ordentlich herum, was wiederum eine technische Arbeitsfläche in das Thema brächte. Für gelebten Pragmatismus bereits bekannt, ging Frag den Staat auch auf dem 33C3 wieder auf die Bühne. Titel Irren ist staatlich – 10 Jahre Informationsfreiheitsgesetz. Die Truppe steht nicht nur dem wissenschaftlichen Dienst des Bundestags auf den Füssen, sondern auch der Arbeitsagentur bzw. Jobcentern und stellt darüber hinaus die Transparenzklagen vor.

Ebenso wichtig und mit Sicherheit auf einer weniger trockenen Seite im Leben bewegen sich die Unterstützer von Chaos macht Schule (Zwischen Technikbegeisterung und kritischer Reflexion: Chaos macht Schule). In diesem Vortrag geht es um den Nachwuchs und wie sich der Chaos Computer Club an Schulen engagiert. Höchst förderlich, bevor sich Microsoft, Apple&Co die Jugend vollends einverleibt. Und da wir gerade bei der Förderung sind, sei hier noch folgendes Unternehmen vorgestellt: Searchwing – Mit Drohnen leben retten. Kurz zusammengefasst suchen (in der Regel) Europäer mit Drohnen (oder Modellflugzeugen mit Kamera dran) das Mittelmeer von einem kreuzenden Schiff aus ab, um Flüchtende aufzuspüren und zu retten. Neben dem humanen Faktor ist in diesem Vortrag die Technik hochspannend.

Allmählich beschleicht mich der Gedanke, dass mein Text aus dem Leim zu geraten droht, wenn ich hier noch mehr Vorträge verwurste. Meiner persönliche Vorliebe für Biohacking und Verwandtes will ich allerdings noch ein wenig Raum schenken. Genetic Codes and what they tell us – and everyone else steht auf meiner Favoritenliste vom 33C3 ganz weit oben. Selbstverständlich steigt die Nachfrage an unseren genetischen Daten genauso wie an allen anderen. Das Gute daran ist, dass wir sie nolens volens permanent überall verteilen (Fingerabdrücke, Haare, Schuppen, Speichel etc.). Aber noch besser ist, dass wir DNA-Datenhändlern (z.B. 23andme, Ancestry) nicht sagen können, Moment mal, das sind meine Daten, Finger weg!, denn genetisch gesehen gehören sie ja auch den Eltern, und Verwandte wie Cousin/Cousine usw. haben da auch noch ein Wörtchen mitzusprechen. Also urheberrechtlich ist in diesem Fall nichts zu machen. Eine DNA-Sequenzierung kostet dieser Tage nicht mehr die Welt. Gibt es schon ab 200$. Kunden fängt man sich am einfachsten mit einem attraktivem Genealogie-Angebot. Dass auf die klitzekleinen Gensequenzen alle scharf sind, versteht sich von selbst. Marketingbuden, Banken, Strafverfolgungsbehörden, Versicherungen, Universitäten…geraten ins Träumen. Was kann man da alles rausholen. In Indien wurde genetische Kastenzugehörigkeit untersucht. Einer zum Judentum konvertierten Afroamerikanerin konnte mitgeteilt werden, dass eine ihrer Urgroßmütter eine aschkenasische Jüdin war. In Kuwait wird momentan nach Terrorgenen gesucht. Das Geld und die Informationen fließen dabei in alle Richtungen. Und die Sequenzierungen werden immer günstiger, wenn Millionen Klienten zahlen. Malen wir die Wand mal eben ein bisschen schwarz an. Welche Möglichkeiten des Hackens gibt es hier? Szenario: Ich spucke in ein Röhrchen, verpacke es in ein Päckchen, schicke meine hingerotzten Chromosomen postalisch an z.B. 23andme, dort wird es ausgepackt und von jemanden aus der Poststelle zu den dreihundert anderen Proben dieses Tages in eines der Firmen-Labore gebracht, sequenziert, in ein SAP gesteuertes Intranet (hier als ein literarisches Stilmittel) eingepflegt, weil der Laborant in den Feierabend geht, nach dem Wochenende vom nächsten Laborant ausgelesen, eine Kopie für das Firmenarchiv erstellt und die Ergebnisse einmal auf dem Netzwerkdrucker im Flur ausgedruckt, nochmals kopiert (man erinnere sich an Kopierer und ihre kleinen Probleme) und als besondere Serviceleistung für den Kunden als PDF verschickt. Irgendwelche Ideen? Falls nicht, bietet Google einen schicken kleinen Cloud-Dienst, der auf den Namen Google Genomics hört.

Es ist schon eine Wucht, was der Mensch sich so alles ausdenkt, und noch mehr was er dann damit anstellt. In der überbordenden Fülle könnte man auf die Idee kommen, dass der Mensch das Wichtigste auf der Welt ist. Sie sich eigentlich um ihn dreht und nicht um sich selbst rotiert. Genau deshalb hat er sich ausgedacht, dass die Erde Geburtstag hat (da kommt es auf ein paar Jahre hin oder her nicht so an) und sich somit in einem neuen Erdzeitalter befindet. Den Grund dafür sieht der Mensch in sich. Der Mensch ist seiner Definition nach zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden. Dass das nicht so ganz stimmt, kann man in dem Talk Welcome to the Anthropocene? – (Did) We Accidentally a New Geological Epoch(?) nachsehen. Strittig bleibt in dieser Frage, sind es nun die Treibhausgase oder die atomare Verstrahlung, die am stärksten wirken. Im Moment liegen die Atome vorne. Wer hätte das gedacht? Umso wichtiger wird es sein, dass wir an uns selbst arbeiten. Mit Technik, Drogen, Organisation des Lebens bis hin zur Überwindung des Selbst. Wie weit wir damit sind, und wie wir das wirklich schaffen können, erklärt ein junger Mann, der mir den Anschein macht, ein wenig ins Pentagon verliebt zu sein, in The Transhumanist Paradox – Deciding between technological utopias in a liberal state.

to be continued…

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