2017 (If There’s a Hell Below, We’re All Going to Go)


Mit Eindämmung der Kriminalität und Verteidigung der Gesellschaft bewerben Strafverfolgungsinstitutionen ihre Aufgaben und Ziele. Beides gelingt ihnen wiederum seit hunderten Jahren nicht. Gleichsam zu beobachten ist, dass in der Folge seines Scheiterns der Strafverfolgungsapparat und seine Legende wächst, was ein weiters Mal, so auch 2017, beweist, dass Institutionen in erster Linie an ihrem Fortbestand und/oder ihrer Expansion interessiert sind. So gesehen handelt es sich bei ihrer Arbeit eher um Verbrechensverwaltung als um die Verteidigung des Kollektivs. Von Fortschritt zu sprechen, wäre in diesem Zusammenhang utopisch. Für eifrige Chronistinnen und Chronisten und die Herren und Damen vom Unsichtbaren Komitee ist es also Jetzt an der Zeit, den Stift zu zücken und über die Fragmentierung der Gesellschaft, das konzeptionelle Scheitern libertärer Bewegungen (wie zum Beispiel Nuit debout in Frankreich), die Substanzlosigkeit von Politik, aber auch die Macht der Institutionen, die zwanghafte Kommodifizierung bzw. Inwertsetzung von Alltäglichem (Uber, Airbnb etc.) oder die Kehrseiten der „Big Society“ zu schreiben. Ein gutes Beispiel für boomende staatliche Einrichtungen, deren Macht in den letzten Jahren beständig zunimmt, wären die Geheimdienste. Schön veranschaulicht und am eigenen Körper spürbar lässt sich ihr Wirken und Tun in der Ausstellung Top Secret International, inszeniert vom Rimini Protokoll, erfahren. Ein wenig positiver blickt die Dokumentation Projekt A von Marcel Seehuber und Moritz Springer ins politische Europa von heute. Aber selbst mit den besten Absichten, wie sie die beiden Dokumentarfilmer in ihrer Arbeit an den Tag legen, wird es immer schwieriger einen Bereich im Leben zu finden, in dem keine Gewalt mitschwingt.

Wer sich mit diesem Phänomen seit vielen Jahren und in mehreren Büchern eingehend beschäftigt hat, ist der im Mai 2017 verstorbene Denis Johnson. Sein Buch Die lachenden Ungeheuer zählt zu den besten Spannungsromanen des Jahres. Beflügelt von den Ungeheuern habe ich mir gleich im Anschluss einen Klassiker des Genres zu Gemüte geführt, weil es noch immer wenige gute Afrika-Romane in der Spannungsliteratur gibt, auch wenn das mancherorts behauptet wird. Kahawa von Donald E. Westlake ist so ein Fall und zugleich ein wunderbares Lehrstück, wie man einen kompletten Güterzug Kaffee stiehlt.

Im heimischen Stimulanzbetrieb der Literatur ragten 2017 zwei Bücher wohltuend ins strapazierte Bewusstsein hinein. Zum einen Ferne Routen von Jürgen Ploog und zum anderen Reinhard Kleists Graphic Novel über das Leben und das Werk Nick Cave.

Transsinnliche Erlebnise sind nicht immer leicht zu finden. Mein Tipp dazu (zudem für lau zu haben) ist Duft und Riechen in der Podcastreihe Forschergeist. Und wenn man schon die Kopfhörer aufgesetzt hat, lohnt es sich auch, immer wieder in den Kanal von Durch die Gegend reinzuhören. Abgebrühteren Hörern und Hörerinnen oder als Betthupferl würde ich Intercepted mit Jeremy Scahill ans Herz legen, sofern man dem alltäglichen amerikanischen Irrsinn ein Ohr schenken möchte.

Endlich – es hat lange gedauert – ist eine Serie durch den Äther getickert, die ihr Publikum – uns Zuschauer – wieder ernst nimmt. Es geht um The Deuce, und darin um das Geschäft mit Sex auf der 42nd Street im New York der 70er Jahre. Fasziniert und gleichermaßen abgestoßen können wir anhand der Schicksale einer guten Handvoll Protagonisten den amerikanischen Weg von der klandestinen Street-Sex-Work im Kleinen zur milliardenschweren Sexindustrie von heute beobachten. In dieser Serie wird herausragend gute Arbeit geleistet, und das von allen. Autoren, Schauspielern, Kamera, Ton, Kostüm usw. bis hin zum großartigen Soundtrack – den Titelsong liefert der hoch geschätzte Curtis Mayfield mit If There’s a Hell Below, We’re All Going to Go.

Dieser Text ist Teil des diesjährigen Jahresrückblicks im Culturmag. Dort als Griffonnage, ohne Links und schludrig formatiert

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