Sprung über das Meer


Delhi

Im Dezember 2000 ist Rana Dasgupta nach Delhi gezogen. Der Liebe wegen. Aufgewachsen ist er in Cambridge (GB), studiert hat er in England, Frankreich und den USA. Er ist 44 Jahre alt. Heute lebt er als Autor (hoffentlich immer noch glücklich verliebt) in Indiens Hauptstadt. Gelegentlich hält er im Rahmen einer Fellow-Gastprofessur Vorträge (Modern Culture and Media) an der Princeton-University oder Brown-University, beide Mitglieder der Ivy League. Sein biographischer Steckbrief ist modern. Für viele vielleicht beneidenswert. In von Globalisierung geprägten Zeiten ist so ein Lebensweg hingegen nichts Ungewöhnliches. Privilegiert mit Sicherheit. Substantiell finanzielle Engpässe musste er wahrscheinlich nicht bewältigen, um in diese Position zu gelangen. Und ein bißchen Glück und Können gehört bekanntlich ebenfalls dazu. Sein drittes und beachtenswertes Buch ist nun auch als Taschenbuch erhältlich. Es geht darin um Geld. Die Wege des Geldes. Die Liebe zum Geld. Seine manipulative und zerstörerische Kraft. Die Liebe zu Delhi. Zu Indien. Und nicht zuletzt handelt es von der Liebe zum Leben und über das Leben hinaus. Capital, im Deutschen Delhi – Im Rausch des Geldes, eignet sich als Einstiegslektüre in die indische Geschichte seit der Teilung im Jahr 1947. Ebenso bietet es einen guten Einblick in die moderne Kultur des Landes. Es besteht aus einer Vorbemerkung, Siebzehn Kapiteln und einer Zusammenfassung, insgesamt auf 462 Seiten. Dass da mehr drinsteckt, liegt auf der Hand. Vor allem, wenn man Tokyo Cancelled und Solo gelesen hat. Es ist ein harter Brocken. So viel vorweg. In jedem Kapitel, in der Vorbemerkung wie auch in der Zusammenfassung (ich empfehle beide nach der Lektüre des Buches nochmal zu lesen) setzt sich Dasgupta mit spezifischen Themen auseinander, die die Stadt Delhi, ihre Bewohner und ihre Geschichte beschäftigen. Delhi, als indische Großstadt und noch relativ junge Hauptstadt (1911), steht vielmals als Synekdoche für das ganze Indien, vor und nach der Teilung. Und was Dasgupta von Delhi seit der Liberalisierung von 1991 berichtet, ist wie eine Allegorie auf den Zustand der Menschheit seit der Kapitalismus das Heft in die Hand genommen hat. Er trifft Milliardäre, solche, die es werden wollen, Slumbewohner, Künstler, Gurus, Drogendealer, ehemalige Militärs, Beamte, Sozialarbeiter… Jeder unterbreitet ihm und damit auch uns seine Sicht auf die Stadt, auf das Land, auf die Politik, auf die Mitmenschen, bis sich alles zu einer gesellschaftliche Synthese zusammenfügt. Was im ersten Moment wie siebzehn aneinander gereihte Essays aufgefasst werden könnte, ist ein im Detail durchkomponiertes Buch, das mit einer unverwechselbar aufklärerischen Stimme erzählt wird, aber ohne jegliche Verachtung, wenn es um Haltung und Ethik geht.

Die Geschichte, die wir in diesem Buch erzählt haben, in der ein Ort von glanzvollem Reichtum und hoher kultureller Verfeinerung von einer Kolonialmacht übernommen wurde, ein Ort, an dem Reichtum und Kultur durchgeschüttelt und umgestürzt wurden, an dem ein titanischer Machtkampf zu einer Völkermord-Katastrophe führte und eine postkoloniale Regierung ein massives planwirtschaftliches Projekt in Angriff nahm, das sich schließlich erschöpfte und von einer vehementen marktwirtschaftlichen Gegenreaktion abgelöst wurde – das ist, mit wenigen Abwandlungen, die neuere Geschichte eines sehr großen Teils der Alten Welt.

Die meisten Menschen, die in dem Buch zu Wort kommen, sprechen als erstes von ihren Geschäften, und dann, das bedingt die Thematik, von Geld. Dabei geht es häufig um astronomische Summen. Jahresumsätze von einer Milliarden Dollar und mehr sind gängig. Tagesgeschäfte, bei denen mal eben zwanzig Millionen Dollar bewegt werden, dass heißt gewonnen oder verloren, sind nichts Ungewöhnliches. Dasgupta verkehrt für das Buch weitgehend, und darauf weist er immer wieder hin, gezielt in elitären Kreisen Delhis. Das Rezept hierfür findet sich in der Vorbemerkung, und klingt wie überall auf der Welt gleich. Öffnet sich ein Tor eines Anwesens einer Wirtschaftsdynastie Delhis, stehen die anderen auch schnell offen. Die Besonderheit in Delhi ist dabei, dass die Reichen und Superreichen der Stadt, wenn sie einem schon mal Eintritt gewähren, gleich alles, inklusive aller Intimitäten der Familie, aufs Brot schmieren.

„Das größte Problem mit der Gesellschaft in Delhi ist, dass man, wenn man eine Frau fickt, die Teil eines Netzwerkes ist, genauso gut eine Webcam aufstellen und seine sexuellen Aktivitäten übers Internet verbreiten könnte, weil es praktisch Ficken in aller Öffentlichkeit bedeutet.“

Man verdiente mehr Geld, aber die Dinge ergaben weniger Sinn.

Dasgupta geht wie schon in Tokyo Cancelled dem globalen Kapitalismus nach. Er trifft Menschen und Familien, die sich seit 1991 Wirtschaftsimperien aufgebaut haben. Das Jahr 1991 steht in Indien für eine ökonomische Wende. Manmohan Singh hatte Ende der Achtziger Jahre mit anderen Mitgliedern der Kongresspartei (Indian National Congress – Kongresspartei – Indischer Nationalkongress) nach einem Leitfaden des Internationalen Währungsfonds die Aufhebung von Jawaharlal Nehrus Politik der Fünf-Jahres-Pläne vorangetrieben.

Da „offizielle“ Korruption – also Parteispenden der Unternehmen, unter Nehru die gängige Methode der Einflussnahme – nun untersagt war, ging die Wirtschaft dazu über, Einzelpersonen zu bestechen, und läutete damit die Ära der „Geldkofferpolitik“ ein. Politik wurde zum Geschäft, und die Bürokratie lieferte den Rahmen für eine besonders intensive und originelle Form von Unternehmergeist.

1991 wurde die Liberalisierung der indischen Wirtschaft offiziell beschlossen, einhergehend mit ihrer Öffnung und Einbindung in den internationalen Kapitalismus. Unter anderem eine Folge der politischen Veränderungen in Russland, weil das Indien der blockpolitischen Weltordnung sich wirtschaftlich an die Sowjetunion gebunden hatte, auch wenn es politisch unter einer demokratischen Ordnung geführt wurde.

Kurioserweise setzen wir „Demokratie“ mit Wahlen gleich. Wir sind zwar in dem Sinn eine Demokratie, dass wir wählen, aber alles andere, alles, was unser reales Leben betrifft, bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung.

Die heute enormen privaten Wirtschaftsimperien fußen in der indischen Hauptstadt in der Regel auf Polit-, Automobil-, Metall-, Textil- oder Montanindustrie… und natürlich auf die für Indien bekannte Business Process Outsourcing Sparte (äquivalent bei uns wäre wohl das On Site Outsourcing). Das BPO hat zum Ende des letzten Jahrhunderts beginnend mit Callcentern für amerikanische Energieunternehmen, Banken, Telekommunikationsanbietern etc. in Indien wie ein Katalysator für die Gesamtwirtschaft gewirkt. Gegenwärtig beschäftigt sie ca. achthunderttausend Menschen. Die indirekte Beschäftigung hinzugezählt, sind es vier Millionen Menschen mit einem geschätzten Gesamtumsatz von fünfzehn Milliarden Dollar. Das eigentliche Mark des Wohlstands in Delhi ist hingegen, wie so häufig in Hauptstädten mit Regierungssitz, politische Macht, ihr Missbrauch und die dazu notwendigen Beziehungen. Hängt man einmal am Tropf dieser süßen Droge, strömt das Geld nur so herein und das Fundament für ein milliardenschweres Unternehmen kann gelegt werden, indem man sich Land, Immobilien und Staatsaufträge sichert. Die Sitten und Manieren, die dabei zu beachten sind, sind vollkommene Skrupellosigkeit und eine extrem stark ausgeprägte Selbst-Korrumpierung.

Im Zuge einer wirtschaftlichen Umwälzung wie der Liberalisierung Indiens, in deren Verlauf riesige Vermögen einfach aus dem Chaos heraus angehäuft wurden, fiel es den Reichen nicht leicht zu erklären, wie und warum sie zu Wohlstand gekommen waren, denn sie wussten besser als jeder anderer, wie willkürlich und zufällig das Ganze war. Ihr Geld hatten sie durch eine Kombination verschiedener Elemente – Glück und Beziehungen, Gerissenheit und brutale Gewalt – erworben, die nichts Individuelles an sich hatte.

Nordindische Unternehmerfamilien befinden sich ihrem Selbstverständnis nach immer im Krieg, und der Anblick von Unheil und Zerstörung lässt sie zu Höchstform auflaufen.

Über Gewalt schreibt Rana Dasgupta viel in seinem Buch. Gewalt auszuüben, ist in der Geschäftswelt der Wohlhabenden ganz offenbar legitim. In Delhi wie auch weltweit. Sie nimmt absurde Auswüchse an. Dass sie zum menschlichen Wesen gehört, ist evident. Bei einem stärker veranlagt, als beim anderen. Auf der Jagd nach immer mehr Geld streunen Männer wie Frauen herum, meistens Männer, als gäbe es keine Tage mehr. Das Verheerendste an der ganze Sache ist, sie bilden sich ihrem Selbstverständnis nach ein, dass sie Schuld durch Erfolg rechtfertigen könnten. Ihnen ist bewusst, dass sie nichts als Dreck der übelsten Sorte hinterlassen werden mit katastrophalen Folgen für uns und die Welt. Aber das schert sie nicht. Ihre Vergewaltigungsorgien werden uns noch Jahrhunderte lang hinterher jagen und wahrscheinlich tausende Jahre verseuchen. Um die Herrschaft für ihr Treiben zu sichern, wird die staatliche wie private Militarisierung immer weiter ausgebaut. Und wenn es soweit ist, dass das System kollabiert, was nur eine Frage der Zeit ist, wird es besser sein, sich aus ihrer Schusslinie zu bewegen. (Ich für meinen Teil studiere hinsichtlich eines solchen Endes unserer Epoche die Strategien von Erdmännchen. Sie sollen gegen alle bekannten Arten Schlangengift immun sein. Sie leben in für Außenstehende undurchschaubaren, aber bis ins letzte Detail ausgebufften Höhlensystemen, die über eine unübersichtliche Anzahl an Ein- und Ausgängen verfügen, um gezielte Attacken gegen angreifende Feinde zu verüben. Für den größten anzunehmenden Notfall haben sie natürlich eine magische, arkane Wunderstrategie entwickelt, eine Art Zaubertrank, über die ich hier im Sinne eines Ehrenerdmännchens nichts weiter aufschreiben werde. [Heiliger Bubba, wie konnte ich überhaupt bis hierher gelangen?]).

Fette Askese

Da man seinen Wohlstand durch Manipulation des politischen Apparats erworben hatte, suchte man seinem Verlust dadurch vorzubeugen, dass man die Dienste derer in Anspruch nahm, die den kosmischen Apparat manipulieren konnten.

Als Ausgleich zu ihrem menschenverachtenden Tagesgeschäft verwirklichen sich die jungen Businessmen Delhis in heilbringender Spiritualität. Absolution durch Vegetarismus oder Heilfasten. Gurus dienen als Geiz- und Gier-Filter. Reinheit ist ein sozialer Status, eine Inszenierung des Ich. Du bist, was du isst. Der menschliche Verstand unterliegt dabei flüchtigen Moden. Das Sein bestimmt das Bewusstsein ist passé. Im kapitalistischen Konsens ist es einfacher „harte Arbeit“ als Rechtfertigung für Eigentum und Reichtum bereitzuhalten. The Medium is the Massage trifft schon eher den Zeitgeist dieser Generation. Die Ästhetik im 21. Jahrhundert hat sich verändert, und das ist den karriereorientierten Zöglingen aus reichen Familien im postkolonialen und einst planwirtschaftlichen Indien wichtig. Die italienischen Lederslippers sind Understatement, der Lamborghini muss sein, um Eindruck bei den Frauen zu schinden, ein großer Pool, trotz Wassermangel, unterstreicht die Unabhängigkeit des Farmhouse’s mitten in einer fünfzehn Millionen Einwohner Stadt, und es macht den Anschein, als gebe es in ganz Delhi ausschließlich Marmor aus Carrara. Über all dem muss ein Heiligenschein der ganz persönlichen Integrität schweben, und natürlich via Facebook und Co. nach außen getragen werden. Ich netzwerke, also bin ich. In einer Randnotiz erzählt der Autor, dass digitale soziale Netzwerke für Delhi im Grunde nicht mehr sind als eine technische Aufhübschung der schon lange bestehenden Strukturen. Den Ursachen für derart komplexe gesellschaftliche Pervertierungen auf den Grund gehend, weist Rana Dasgupta auf die großen Traumata der nordindischen Bevölkerung hin.

„Wenn man Menschen zugrunde richten will, nimmt man ihnen ihre Sprache.“

Obendrein brachten viele dieser Orte die Erblast immenser historischer, in ihren Gesellschaften nicht sehr gründlich verarbeiteter Traumata mit. Da viele dieser Traumata sich tiefgreifend auf die ökonomischen Identitäten auswirkten – auf Vertrauen und Misstrauen gegenüber Ausländern und Abkommen mit ihnen sowie auf ihr Verständnis von Reichtum und Armut, Privateigentum und Gemeingut -, hatte man allen Grund zu der Annahme, dass diese Erblast sich in der Funktionsweise des globalen Systems bemerkbar machen würde. Wir haben uns daran gewöhnt, die globale Bedeutung des Holocausts zu akzeptieren, der schon recht bald Politik, Wirtschaft und Kultur der Welt beeinflusst hat; viele der anderen Ereignisse wie beispielsweise die Teilung Indiens waren ebenfalls „globale“ Ereignisse, auch wenn ihre Auswirkungen lange Zeit überwiegend auf das geografische Gebiet beschränkt blieben, in dem sie stattgefunden hatten, und ihre inneren Konturen dem Rest der Welt verborgen blieben. Zu nennen sind hier nicht nur die Teilung Indiens, sondern auch die Hungersnöte in Stalins Sowjetunion, Maos Kulturrevolution, die Zerstörung des ländlichen Lebens in Brasilien unter der Militärdiktatur und die damit einhergehende rasante Verstädterung.

Der Status eines Dominions wird Indien am 15. August 1947 von Großbritannien zuerkannt. Zu Beginn ein politisch äußerst wackliger Zustand. Hunderte Fürstentümer beanspruchen weiterhin ihre Unabhängigkeit auf dem indischen Subkontinent, und die Figur des British Indian Empire liegt nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend in Trümmern. Neue Nationen entstehen: Indien und Pakistan 1947, Burma 1948, und später, durch die Teilung Pakistans Bangladesh 1971. Alle aus dem großen Empire hervorgegangenen Nationen stehen vor denselben Problemen. Sie sind Staatsnationen, keine Kulturnationen. Sie verfügen über keine gemeinsame Sprache, Kultur, Ethnie oder Religion, und ihre neuen Verwalter bemühen mit unterschiedlich großem Erfolg die Schöpfung von Heimatgefühlen mittels Symbolen und Slogans. Das Akronym „Pakistan“ spiegelt diese Bemühungen deutlich. Dass sich der Nachbar „Indien“ nennt, führt zu ersten Verstimmungen zwischen den Ländern. Aber das große Trauma resultiert aus den Flüchtlingsbewegungen und damit verbundenen Gewaltexzessen im Staat Punjab, welcher aufgrund der neuen Grenze zwischen Indien und Westpakistan geteilt wird. Innerhalb weniger Monate ziehen etwa vierzehn Millionen Menschen von der einen auf die andere Seite. Hindus und Sikhs von Pakistan nach Indien und Muslime von Indien nach Pakistan. Getrieben von der Angst auf einmal als religiöse Minderheit unter Repressalien zu leiden. Es folgt Obdachlosigkeit, Hunger, Elend, Krankheit, Tod. Eine Gewaltkaskade bricht los. Rund eine Millionen Menschen sterben. Fünfundsiebzigtausend Frauen werden verschleppt, vergewaltigt, zwangskonvertiert (den traditionellen Hindusagen nach gilt der Frauenraub als eines der schlimmsten Vergehen, das ein Mann einem anderen antun kann. Die Geschichte von Ravana, Sita und ihrem Ehemann Rama, der siebte Avatar Vishnus, symbolisiert dies eindrücklich. Der Herrscher Rama steht aber auch für ein elftausendjähriges Hindureich der Stärke und Glückseligkeit. Man sieht seinen Namen auf Delhis Autohecks am häufigsten. Oft mit Pfeil und Bogen. Bis in die späten fünfziger Jahre wurden Hindufrauen, die im Zuge der Teilung Pakistani und Muslima geworden waren, von ihren ehemaligen Männern nach Delhi zurückgeholt. Oft gegen ihren Willen).

Es kommt zu Tötungen von Nachkommen der jeweils anderen Religionsgemeinschaft, um das „feindliche“ Fortpflanzungspotenzial zu dezimieren. Abgetrennte Penisse und ungeborene Föten werden zeremoniell gefeiert. Neben den Narben der Kolonialisierung, und damit verzögerten Emanzipation der indischen Gesellschaft wie auch den Folgen der Teilung, die Dasgupta hin und wieder mit dem Etikett eines indischen Kastrationstraumas versieht, kommen die drei Indisch-Pakistanischen Kriege und der Indisch-Chinesische Krieg um die Region Jammu und Kaschmir hinzu. Delhi wird als Hauptstadt und größte nordindische Stadt wie keine andere indische Stadt von diesen Auseinandersetzungen und Flüchtlingsbewegungen geprägt. Die Folgen sind bis heute deutlich sichtbar. Bürokraten bestimmen im jungen Indien und Neu-Delhi über die Zukunft der Nation. Hindi wird neben Englisch als Landessprache verordnet. Die dominante Sprache von Delhi war bis dahin Urdu. Die Geschichte der Stadt war in Urdu und Persisch geschrieben. Muslimische Herrscher und Moguln hatten sie zu ihrer Größe und Eleganz geführt. Nach der Teilung gilt Urdu als muslimische Sprache. In Pakistan ist sie Landessprache. Die neue indische Regierung arbeitet an ihrem Aussterben, und die lange gemeinsame Geschichte wird ins Abseits geschoben.

Anhand der Gewinner und Verlierer, der Kultur derer, die kamen, und die Abwesenheit derer, die gingen, lässt sich sagen, dass die Teilung mehr als alles andere die Entstehung dessen markiert, was man heute als die zeitgenössische Kultur Delhis ansehen kann. Die moderne Stadt entstand aus einem Trauma gewaltigen Ausmaßes, und ihre Kultur ist eine traumatisierte Kultur. Selbst jene, die lange nach der Teilung geboren wurden, selbst jene, die wie ich aus anderen Orten und anderen Vergangenheiten nach Delhi kamen, stellten alsbald fest, dass sie viele der posttraumatischen Ticks annehmen, die so charakteristisch für das Verhalten der Stadt sind. Deshalb erscheint Delhi denen, die aus anderen indischen Städten kommen, so emotional zerrissen – und so bedrohlich.

„Indira ist Indien, und Indien ist Indira“

Die Sonderstellung Delhis basiert auf der politischen und bürokratischen Machtagglomeration, die dort zusammenläuft. Politiker und Funktionäre lenken die Entwicklungen des riesigen Landes wie kaum jemand anderes. Investitionen der Industrie hängen von den Entscheidungen der Beamten ab. Und wenn Finanzbeamte zu Partys einladen, erscheint Delhis komplette Geschäftswelt, um sich bei ihnen anzubiedern. Die Kongresspartei stellt in der Geschichte Indiens die meisten Premierminister und Staatspräsidenten, und dominiert vor allem seit der Unabhängigkeit den Staat. Nach Jawaharlal Nehru, der mit seiner planwirtschaftlichen Ausrichtung die Konturen der indischen Ökonomie für beinahe fünfzig Jahre gestaltet, hinterlassen Nehrus Tochter Indira Gandhi und ihre Söhne Sanjay und Rajiv Gandhi tiefe Spuren in der indischen Seele. Bis 1991 Premierminister P. V. Narasimha Rao mit seinem Finanzminister Manmohan Singh die indische Wirtschaft der Globalisierung unterstellt und das Land modernisiert. Von 1947 bis 1989 bekleiden, ausgenommen zweier Legislaturperioden, durchgehend Mitglieder einer Familie die höchsten Ämter im indischen Staat (Ausnahmen neben der Ausnahmen sind zwei Interimspremiers 1964 und 1966, und Chaudhary Charan Singh von Ende Juli 1979 bis Januar 1980). Lal Bahadur Shastri übernimmt 1964, nachdem Nehru während seiner Amtszeit verstorben ist, für zwei Jahre die Regierungsgeschäfte. 1966 wird Nehrus Tochter Indira Gandhi zur Premierministerin Indiens und an die Spitze der Kongresspartei gewählt. Shastri ist kurz zuvor ebenfalls im Amt gestorben (Offiziell an einem Herzinfarkt, allerdings sind die Umstände seines Ablebens nicht ganz geklärt). Auf nationaler Ebene gibt es neben der Kongresspartei keine nennenswerte Konkurrenz. Über Jahrzehnte existiert in Indien im Grunde ein Ein-Parteien-System. Wer dem Indischen Nationalkongress vorsteht, wird in der Regel Premierminister (oder Staatspräsident). Und Indira ist Profi. Ihr Vater gilt neben Mahatma Gandhi als wichtigster Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Im Kreis beider Männer und der Bewegung wächst sie auf. Als sie das Amt der Premierministerin antritt, verfügt sie über ein Beziehungsnetzwerk in der Partei, aber auch im Beamtenapparat, wie kaum ein anderer Politiker. 1959 wird sie mithilfe ihres Vaters zur Congress President (Parteivorsitzenden) gewählt. Im Kabinett Nehru erhält sie die Position Chief of Staff (Staabschefin), und unter Shastri führt sie das Ministry of Information and Broadcasting (Ministerium für Information und Rundfunk). In den folgenden Jahren baut Indira ihre Beziehungen in der Partei, im Beamtenapparat, sowie im Land immer weiter aus. Doch vor allem arbeitet sie an einem übertriebenen Persönlichkeitskult. „Die Mutter Indiens“. Viele Inder missbilligen diese Eitelkeit, und Indira handelt sich immer offenere Kritik ein. 1975 spricht sie der High Court of Allahabad (Hohe Gerichtshof von Allahabad) schuldig des Wahlbetrugs bei den Wahlen von 1971, woraufhin sie wegen einer „groß angelegten Verschwörung“ den Ausnahmezustand ausruft. Unter den geltenden Notstandsgesetzen herrschen schnell autokratische Bedingungen. Politische Gegner werden inhaftiert, darunter auch sehr populäre Freiheitskämpfer wie Jayaprakash Narayan, sowie zwei spätere Staatspräsidenten. Sie hebt föderale Strukturen auf, und führt einzelne Bundesstaaten direkt von Delhi aus. Die Pressefreiheit wird abgeschafft und die Machtbefugnisse des Ministerpräsidenten beschnitten. Von Massenverhaftungen, wie auch Folter wird berichtet. In Delhi darf sich ihr geliebter, jüngerer Sohn Sanjai austoben. Er geht während des Ausnahmezustands seinem sadistischen Ordnungs- und Hygieneverlangen mit ganzer Brutalität nach. Sanjay initiiert in Delhi ein Programm der Slumräumungen. Bulldozer reissen die Häuser der Armen ein. Siebenhunderttausend Menschen werden in die Obdachlosigkeit gezwungen. Mit seinem nächsten Projekt versucht er das exponentielle Wachstum der verhassten Slums langfristig zu regulieren. Er startet eine Sterilistaionskampagne. Die Vasektomien werden von Beamten durchgeführt. Lehrer, Polizisten, Schreiber etc., selten Ärzte oder Krankenpfleger. Ein Vasektomie-Tagessoll muss zu schnellen Ergebnissen führen. Muslime und Männer mir mehr als drei Kindern bevorzugt. Die Beamten, die ihr Soll nicht erfüllen, müssen sich dem Eingriff selbst unterziehen. Es kommt zu brutalen Willkürtaten. Mörderische Szenen spielen sich in den Slums von Delhi ab. Muslimische Gemeinschaften, Polizei, Abrisskolonnen und Sterilisations-Trupps liefern sich heftige Kämpfe. Der Ausnahmezustand dauert 21 Monate an. Seine politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen verändern die politische Landschaft Indiens. Bei den im März 1977 durchgeführten Parlamentswahlen verliert die bis dahin an Mehrheiten gewöhnte Kongresspartei massiv an Stimmen. Der Ausnahmezustand wird beendet, nachdem Indira Gandhi im Januar überraschender Weise politische Gefangene in Freiheit entlassen und die Pressezensur aufgehoben hat. Indira und Sanjay Gandhi verlieren ihre Sitze im Parlament.

Von 1977 bis 1980 regiert zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit ein nicht von der Kongresspartei gestelltes Kabinett das Land. Die Janata-Partei hatte sich als Anti-Notstands-Koalition aus einem Amalgam verschiedener aus dem Ausnahmezustand hervorgegangener Oppositionsparteien konstituiert. Die junge Partei ist allerdings noch nicht ausreichend professionalisiert (korrupt), um die größte Demokratie der Welt zu lenken. 1979 zerbricht sie an internen Streitigkeiten. Nachdem Morarji Desai sein Amt als Premier aufgibt, bringen die Wahlen von 1980 Indira Gandhi von neuem an die Macht. Ausschlaggebend dafür sind politische Ungeschicklichkeiten der Shah-Kommission (Untersuchungskommission des Ausnahmezustands), die Indira dafür nutzt sich im Licht eines Opfers darzustellen. Wirtschaftliche Probleme setzen die Janata-Partei unter Druck. Wachsende Kriminalität und separatistische Bestrebungen erhöhen ihn. Indira perfektioniert als Oppositionspolitikerin die Kunst Parteien, Gewerkschaften, politische Bewegungen oder Wirtschaftsverbände zu ihrem Vorteil zu zersplittern. Bei den Wahlen zum Indian National Congress (Organisation) (nicht verwechseln mit dem Indian National Congress – Kongresspartei – Indischer Nationalkongress) und den Parlamentswahlen führt sie dieses Taktieren an die Macht zurück, aber am Ende führt es auch zu ihrem Tod. Ihre dritte Amtszeit beginnt mit einer persönlichen Tragödie. Ihr Sohn Sanjai stirbt. Er stürzt in seinem Privatflugzeug ab, während er im Juni 1980 Loopings über Delhi fliegt. Das Land braucht wirtschaftliches Wachstum, damit Indira ihre Legitimation und Wahlversprechen halten kann. Sie liberalisiert den Handel wichtiger Produkte (Zement, Zucker…). Die Weltbank gewährt ihr einen hohen Kredit, damit die Steigerung der Produktion mit leicht kapitalistischem Rückenwind Fahrt aufnehmen kann. Aber die politischen Probleme können mit Geld nicht gelöst werden. Eine Generation nach der Unabhängigkeit geht Indien einen föderalistischeren Weg als bis dahin. In einzelnen Bundesstaaten sind neue Parteien mit neuen Zielen gegründet worden. Autonomiebewegungen und religiöse Ideale bestimmen in vielen Teilen Indiens die Politik. Indira greift mit Härte durch. Die Macht der Zentralregierung darf nicht gefährdet werden. Am heftigsten wird dieser Kampf im Bundesstaat Punjab ausgefochten. Indira setzt auf bewährte Mittel. Sie versucht die separationistische Akali-Dal-Partei zu spalten, indem sie den ultraorthodoxen Jarnail Singh Bhindranwale unterstützt. Doch Bhindranwale steigt vom Anführer einer kleinen Splittergruppe schnell zur Leitfigur der Sikhs in Punjab auf. Er fordert offen die militärische Befreiung Punjabs von den Hindus und von Dehli. Die Zentralregierung wird in dem nordindischen Bundesstatt zunehmend gehasst, und immer häufiger werden Terroranschläge verübt. Im Juni 1984 folgt die von Indira Gandhi befohlene Operation Blue Star mit blutigem Ende für alle Beteiligten. Bhindrawale und seine Anhänger halten sich im Goldenen Tempel von Amristar, dem höchsten Sikh Heiligtum, verschanzt, wo sie auf ein umfangreiches Waffenarsenal zugreifen können. Das indische Militär greift mit Tränengas, Artillerie, Panzern und Helikoptern an. Das Gemetzel dauert zehn Tage an. Bhindrawale und andere Sikh-Führer werden ermordet. Ein religiöser Bruderkrieg entfacht. Am 31. Oktober 1984 wird Indira Gandhi bei einem Gang durch ihren Garten mitten in Delhi von ihren Sikh-Leibwächtern mit dreißig Schüssen getötet. Noch am Abend ihres Todes wird Rajiv Gandhi, Indiras erster Sohn, als Ministerpräsident vereidigt. Im November eskaliert dann die Lage in Nordindien und der Hauptstadt. Geschürt von Gerüchten, Sikhs hätten Delhis Trinkwasser verseucht, oder aus dem Punjab kämen Güterzüge voller toter Hindus, da die Sikhs dort eine Vernichtungskampagne begonnen hätten, ziehen bewaffnete Mobs durch Delhi. Mit Messern, Waffen und Benzin gehen sie gegen ihre Sikh-Nachbarn vor. Menschen werden in Brand gesetzt, erschossen, massakriert. Die Polizei schaut zu und weigert sich Anzeigen wegen Gewalt gegen Sikhs aufzunehmen. Krankenhäuser weigern sich Sikh-Opfer zu behandeln. Und Funktionäre der Kongresspartei geben Listen heraus mit Adressen von Familien, inklusive Kopfprämien für jeden ermordeten Sikh. Die Pogrome dauern vier Tage an. Schätzungen schwanken von dreitausend bis zehntausend Tote in Nordindien. Die meisten davon in Delhi. Und der neue Ministerpräsident Rajiv Gandhi äußert dann als Erklärung für den Aufruhr den berühmten Satz: „Wenn ein großer Baum umstürzt, zittert die Erde.“

Delhi war ohnehin korrupt. Die Ausschreitungen aber vermittelten nun definitiv die Botschaft, dass das Gesetz ein degenerierter Teil des sozialen Lebens sei und man eine moralische Pflicht nur gegenüber sich selbst habe.

Wieder setzt eine Fluchtbewegung ein. Dieses Mal verlassen Sikh-Familien Delhi. Das Blutvergießen hört mit der Unabhängigkeit nicht auf. Und auch heute gibt es zahlreiche Stimmen auf dem Subkontinent, die sagen: Gehen Sie nach Kaschmir oder in den Nordosten, wenn Sie Delhi gänzlich kennenlernen wollen. Was dort auf Anweisung Delhis passiert, widerspricht jeder Rechtsstaatlichkeit. Diese Gebiete werden mit militärischer Gewalt gehalten. Aber die indische Armee ist durch den Armed Forces Special Powers Act geschützt, und kann entgegen der Verfassung tun, was sie will.

Korruption geht nicht primär von bösen oder habgierigen Individuen aus. Sie ist ein Produkt zerstörter sozialer Beziehungen.

Aus Menschen, die es versäumt haben ein Trauma aufzulösen, werden in einer Warengesellschaft wie unserer häufig Krieger. Die indische Gesellschaft, insbesondere die Nordindische, hat es nach Rana Dasgupta versäumt ihre historisch begründeten Traumata zu bewältigen. Ursachen sieht er in den fortwährenden geopolitischen (und religiösen) Konflikten. In der Regel potenziert sich die Gewalt aber auch aufgrund ökonomischer Kriege. Geführt werden beide von Menschen, die sich aus Verzweiflung über ihre Fähigkeiten aus „Siegen“ nähren wollen. Und so blickt die Welt auf die Geschichte einer ausgeprägten Kämpfermentalität. Friedliche Reaktionen werden bei den Menschen immer seltener. Und die Krieger immer mehr. Vor allem in der Geschäftswelt. Eine Ausnahme bildet völlig überhebliche moralische Dekadenz. Krieger benötigen natürlich eine Truppe. Ihre Einheit indischer Tradition nach ist die Familie. Rajiv Gandhi hat einen Großteil seiner Familie gewaltsam verloren. Aber nach dem Tod Indira Gandhis steht er mit einem Mal der indischen Regierung vor und ist ein gefragter Mann. In ihren letzten Amtsjahren weicht seine Mutter die Politik der planwirtschaftlichen Vorgaben an die indische Ökonomie immer mehr auf. Das staatliche Genehmigungssystem für wirtschaftliche Projekte formt eine kleine, korrupte Schicht von Staatsbeamten und ihrer gönnerhaften Geschäftsleute. Eine neue indische Oligarchie entsteht, getragen vom oft kritisierten Kastensystem. Ein komplexes System regiert. Rajiv Gandhi verfolgt zunächst nicht – wie sein jüngerer Bruder Sanjay – eine politische Karriere. Er besucht die Schule in England und danach das Imperial College London und kehrt 1966 nach Delhi zurück. Im selben Jahr macht er den Berufspilotenschein und fängt bei der staatlichen Indian Airlines an. 1968 heiratet er Sonia Gandhi (geb. Edvige Antonia Albina Màino, heute Präsidentin der Kongresspartei). Politische Ambitionen entwickelt er erst nachdem Sanjay im Jahr 1980 über Delhi abstürzt, und seine Mutter ihn dazu drängt in die Politik zu gehen. Er kandidiert im ehemaligen Wahlkreis seines Bruders und gewinnt. Er wird Mitglied des indischen Unterhauses, später Generalsekretär der Kongresspartei, und am Tag als seine Mutter erschossen wird, Premierminister. Frisch im Amt veranlasst er zunächst Neuwahlen. Die Kongresspartei fährt bei den im Dezember 1984 abgehaltenen Wahlen die größte Mehrheit ein, die die Partei in ihrer Geschichte erringen kann. Rajiv Gandhi erhält so seine gewünschte Legitimation als Premier. Gleichzeitig übernimmt er den Vorsitz der Kongresspartei, den er bis zu seiner Ermordung im Jahr 1991 innehält. Rajiv entwickelt eine gemäßigtere Politik als sein Bruder und seine Mutter. Er leitet Friedensgespräche mit Pakistan ein, propagiert einen Kampf gegen die Korruption und liberalisiert weiter die indische Wirtschaft. Seinen Spitznamen „Mr. Clean“ verliert er schnell. Pech, gut geschmierte realpolitische Rahmenbedingungen und mangelnde Volksnähe trüben seine politische Bilanz. Der Schatten seiner Familiengeschichte liegt darüber. In seine Amtszeit fallen unter anderem die Katastrophe von Bhopal, das umstrittene Shah Bano Urteil, der Staatsstreich in den Malediven und am Ende der Bofors-Skandal. Umstritten ist auch Rajiv Gandhis Sri Lanka Politik. Zu Beginn seiner Amtszeit führt er die Politik seiner Mutter fort, die die Unterstützung von tamilischen Separatisten wie die Tamil United Liberation Front (TULF) (dt. Vereinigte tamilische Befreiungsfront) oder später die Liberation Tigers of Tamil Eelam (kurz LTTE, auch Tamil Tigers) vorsieht, damit sich der Konflikt nicht auch in den südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ausbreitet (Tamil Nadu kann mit „Land der Tamilischen Sprache“ übersetzt werden). Nachdem 1983 die Auseinandersetzungen zwischen Tamilen und Singhalesen in einen Bürgerkrieg eskalieren, sieht die indische Regierung in den Folgejahren die regionale innere Sicherheit stark gefährdet. Die Tamil Tigers nutzen das indische Festland als Rückzugs- und Operationsbasis. Rajiv Gandhi befürchtet die Forderung nach Unabhängigkeit von Tamil Nadu und bemüht sich um die Schlichtung der Kämpfe auf Sri Lanka. 1987 entsendet Indien (mit UNO Mandat und Zustimmung der Regierung Sri Lankas) die Indian Peace Keeping Forces, IPKF. Aus der Friedenstruppe entwickelt sich ein aktiver Kriegsteilnehmer, und die IPKF liefern sich zwischen 1987 und 1989 heftige Gefechte mit den Kämpfern der LTTE. 1990 ziehen die so genannten Friedenstruppen wieder ab. Tausende Tote auf beiden Seiten sind das Ergebnis des Einsatzes. Der Krieg dauert noch bis zum Mai 2009 an. Menschenrechtsverletzungen beider Kriegsparteien (der Tamil Tigers und der sri-lankische Armee) werden in einem Bericht im September 2015 vom UN-Menschenrechtsrat veröffentlicht. Aber ein Tribunal zur Untersuchung der Ereignisse wird nicht eingerichtet. Die Regierung von Sri Lanka kündigt allerdings die Bildung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission an. 80.000 bis 100.000 Todesopfer soll nach offizieller Schreibweise der Krieg gefordert haben. Eines der Opfer ist Rajiv Gandhi. Am 21. Mai 1991 sprengt sich eine Selbsmordattentäterin bei einer seiner Wahlkampfveranstaltung in die Luft. Rajiv und 16 weitere Menschen sterben. Die Attentäterin zählt man der LTTE zu. Zu dieser Zeit ist Rajiv Gandhi nicht mehr indischer Ministerpräsident, aber immer noch Vorsitzender der Kongresspartei. 1989 ist er abgewählt worden. Seine Regierung und Partei stehen wieder mal am Pranger. Das schwedische Unternehmen Bofors hat sich einen Vertrag über Waffenlieferungen in Milliardenhöhe durch hohe Schmiergeldzahlungen an mehrere Mitglieder der Kongresspartei gesichert, unter ihnen auch Rajiv Gandhi. Dabei sollen 40 Millionen US-Dollar über Offshore-Bankkonten an hohe indische Persönlichkeiten geflossen sein. Restlos geklärt werden die Umstände des Skandals nie. Die guten Kontakte Rajiv Gandhis zu Schweizer Banken wurden hingegen ebenso selten bestritten. In dieser Hinsicht kann man von einer Familientradition sprechen. 2010 wird der aktuelle Wert von Schwarzgeld, das seit der Unabhängigkeit aus Indien ins Ausland geschafft worden war, auf annähernd eine halbe Billion Dollar geschätzt. Mit der Liberalisierung strömt dieses Geld langsam aber sicher nach Indien zurück. Allein die Höhe der Schmiergelder hat eine neue Qualität erreicht. In Delhi ist es zum Beispiel üblich eine Immobilie im Wert von vier Millionen Dollar zu sechzig Prozent bar zu bezahlen.

Im Indien der Post-Liberalisierung reichte es nicht aus, Kapital zu haben, denn der Kapitalfluss wurde allenthalben durch gesetzliche und bürokratische Vorschriften behindert: Nur wenn Großkonzerne eine Partnerschaft mit mächtigen und weitsichtigen Politikern eingingen, konnten entsprechende Investitionen getätigt werden.

Eine Gepflogenheit, die ein junger Geschäftsmann im Buch mit dem Begriff „Corporate Governance“ versieht. Und die Geschäfte kommen ins Rollen. Heimische (Ausländer können mangels Beziehungen kaum konkurrieren), einflussreiche Familien kommen zu Reichtum astronomischen Ausmaßes. Die so genannten Basisresourcen werden vom Big Business aufgekauft. Nehrus „Kommandohöhen der Wirtschaft“ – er hatte sie dem Staat vorbehalten – werden privatisiert. Grundstücke, Infra- und Suprastrukturen, Bauwesen, Bergbau, Telekommunikation, Zementwerke und Medien wechseln eingefettet von immensen Schmiergeldern den Besitzer. Die Korruption explodiert. Gesellschaftliche Werte des alten Indien verblassen. Viele Jahre nach der Unabhängigkeit herrschte eine idealistische, brahmanische Wertschätzung bezüglich der indischen Wirtschaft vor. Geldverdienen und weltliche Eitelkeiten wie privates Unternehmertum und das Kaufen und Verkaufen von Konsumgütern (vor allem Luxusgüter) galten als vulgär, weil sie der Nation keine Anerkennung einbrachten. Aber am Ende des 20. Jahrhunderts steht die Globalisierung vor der Tür. Anerkennung wird anhand von Reichtum gemessen. Und jedes Jahr drängen fünfzehn bis zwanzig Millionen Menschen auf den indischen Arbeitsmarkt, für die es kaum Arbeit gibt. Ein idealer Nährboden, um menschliche Ausbeutung zu systematisieren und Geld anzuhäufen.

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts begingen Jahr für Jahr rund fünfzehntausend Bauern Selbstmord. Für sie der einzige Ausweg.

Um die Jahrtausendwende etabliert sich eine „Schwarzgeldelite“ in Indiens Hauptstadt. Ihr Vorgehen im eigenen Land unterscheidet sich kaum von dem europäischer Imperialisten während der Kolonialzeit. Es zeichnet sich durch eine hyperaggressive Maskulinität aus. Mit verhängnisvollen Folgen. Den wirtschaftlichen Aufschwung der Neunziger- und Nullerjahre schöpft in Delhi nur eine Minderheit der Bevölkerung aus. Eine kleine prosperierende Bourgeoisie mitten in einem Meer von Armut. Weite Landstriche im Südosten von Delhi, in Uttar Pradesh und Bihar, werden traditionell landwirtschaftlich genutzt. Es sind arme Landstriche. Dreihundert Millionen Menschen verdienen durchschnittlich fünfhundert Dollar pro Jahr. Ihre Interessen blieben von der Politik jahrzehntelang unbeachtet. Und ihre Lage verschlechtert sich. Industriezweige drängen in den ländlichen Raum. Delhis Hinterland wird zu einem Schlachtfeld expandierender Unternehmen. Nach Empfehlungen und Verlockungen multinationaler Konzerne will man eine indische Exportkultur aufbauen. Unter Nehru wurde der Besitz von Land den ansässigen Kleinbauern rechtmäßig zugesichert. Meistens nicht mehr als ein oder zwei Hektar. Wachsende Großunternehmen benötigen ein halbes Jahrhundert später hunderte oder tausende Hektar, um ihrem Expansionsdrang Platz zu schaffen. Aber kaum einer der Bauern will verkaufen. Es kommt zu illegalen mitunter brutalen „Landnahmen“. Schlägertrupps vertreiben die Menschen von ihrem Land. Industrielle mit guten Beziehungen in den Regierungs– und Beamtenapparat berufen sich auf den Land Acquisition Act von 1894. Ein Gesetz des britischen Empires, um Enteignungen von Land zu „legalisieren“. Landwirten wird aufgrund von vorgeschobenen Infrastrukturmaßnahmen ihr Land abgepresst, wenn nötig auch unter Gewaltanwendung. Zu „wichtigen“ Infrastrukturen zählen zum Beispiel private Townships, ein privater internationaler Flughafen, oder weite Teile von (Greater) Noida, eine so genannte „Sportstadt“, 50 Kilometer südlich von Delhi in Uttar Pradesh gelegen, mit der indischen Formel-1-Strecke. Als die Bauern, auf deren Grund die Rennstrecke usw. gebaut werden soll, dagegen protestieren, geht man brutal gegen sie vor. Die Polizei feuert mit Schusswaffen in die Gruppe der Demonstranten. Drei Menschen sterben. Bauern haben im Indien des hoch gelobten „freien“ Marktes sehr häufig das Nachsehen. Nach einem internationalen Handelsabkommen werden Gesetze erlassen, die es den Menschen untersagen, eigenes Saatgut herzustellen. Landwirte müssen bei internationalen Biotechnologieunternehmen entwickeltes Saatgut kaufen. Es handelt sich dabei immer um sterile Sorten, das heisst nicht samenfest, und aufgrund der damit verbundenen, intensiven Landwirtschaft werden die Böden ausgelaugt. Die Folgen sind bekannt. Die Monsantospirale setzt ein. Um überhaupt noch Erträge einzufahren, muss der Bauer chemisch düngen, das Land wird vergiftet, Tiere und Ökosysteme sterben, Desertifikation macht sich breit. Der Lebensraum wird zerstört. Und die Menschen geraten in eine Schuldenfalle bei den Banken. Sie wandern ab oder trinken das Gift der Pharmafirmen, die ihr Land missbraucht haben. Das Gift verätzt sie von innen bis zum Exitus. Weite Teile der indischen Gesellschaft verarmen komplett, obwohl sie und ihre Familien, häufig seit Generationen, keine Schwierigkeiten hatten für ihr Leben zu sorgen. Natürlich ist das kein Leben in Luxus, aber ein Leben mit Haus und Land und täglichem Essen, wenn nicht ein Jahr der extremen Dürre die Ernten ausgetrocknet hat. Aber mit der Stärke der Gemeinschaft waren auch die Dürrejahre überwunden worden. In den letzten zwei Jahrzehnten gerät eine breite Masse der Menschen in die Mittellosigkeit. Man setzt sie, wenn sie Glück haben, als Minen-, Fabrik-, oder Bauarbeiter ein. Regionalregierungen verkaufen Schürflizenzen für Land, auf dem große Jäger- und Sammlergemeinschaften leben. Und die veränderten wirtschaftlichen Bedingungen ziehen ökologische Schäden nach sich. Am deutlichsten zeigt sich das im Hinblick auf Wasser. Den ausufernden Städten droht Wassermangel. Man fährt immer weiter, um es in die Städte zu liefern. Im Umkreis von hunderten Kilometern rund um Delhi wird Dörfern und Anbauflächen „ihr“ Wasser entzogen. Immer größerer Ärger macht sich in der betroffenen Bevölkerung breit. Ihre politische Schwäche wird überspannt. In zahlreichen Bundesstaaten stoßen Industrie und Regierungen auf wachsenden Widerstand. Bis 2006 bilden sich im ganzen Land bewaffnete Gruppen maoistischer Couleur. Das politische Establishment reagiert mit Härte. Mit Militär, Polizei und Milizen. Berüchtigt ist eine Miliz namens Salwa Judum im Bundesstaat Chhattisgarh. Sie plündert, brennt Dörfer nieder, vergewaltigt, mordet, interniert die Enteigneten in Lager. Hunderttausende fliehen. Meistens in die großen Städte.

„Dass eine Stadt funktioniert, dafür kann man nicht sorgen, wenn man in einer Villa wohnt. Das tun Menschen, die in Hütten und Slums wohnen: Rikschafahrer, Gemüsehändler, Schuster, Bauarbeiter, sonstige Arbeiter. Das sind die Menschen, ohne die eine Stadt nicht funktionieren kann.“

Erwischt werden, heißt einfach nur, Pech gehabt zu haben

Wirtschaftlich, ethisch und ästhetisch weht ein neuer Wind im modernen Delhi. Amerikanischer Gangsterschick ist angesagt. Der Politadel, der sich nach der Teilung von 1947 über Jahrzehnte in der Stadt festgesaugt hat, wird von einer neuen Genration junger Geschäftsleute aus dem kolonialen Kern Neu-Delhis gedrängt. Die ehemalige Verwaltungsstadt der Briten ist en vogue. Mitten im Chaos einer modernen Megastadt stehen die so genannten Farmhouses britischer Kolonialherren im Grün großer Gärten, und sind mit breiten Avenuen gut eingebunden in die Infrastruktur der ständig wachsenden Stadt und ihrer Trabanten. Mithilfe von künstlicher Preissteigerung der Immobilien, Insiderhandel bis hin zu Auftragsmördern der Mumbai-Mafia verroht die Wahl der Mittel, um einen disponierten Platz in der Machtelite der Hauptstadt zu besetzen. Es entsteht eine wohlhabende Scheingesellschaft, die sich selbst ein Leben in Dispens erteilt.

1999 beispielsweise erschoss Manu Sharma, Sohn eines Kongressabgeordneten, der sich aufgrund seiner politischen Position ein millionenschweres Firmenimperium mit Hotels, Vergnügungslokalen, Zuckerfabriken und Landwirtschaft aufgebaut hat, das bekannte Model Jessica Lal, weil sie ihm als Barfrau bei einer Prominentenparty einen Drink verweigert hatte. Sharma war mit ein paar Freunden aufgetaucht, unter denen sich auch Vikas Yadav befand, ebenfalls Sohn eines reichen Politikers, der sich vermutlich für unangreifbar hielt, weil es seinem Vater immer wieder gelang, sich einer Strafverfolgung wegen seines Gangstertums zu entziehen. Lal sagte den jungen Männern, sie seien zu spät gekommen, die Bar sei bereits geschlossen. Sharma bot ihr tausend Rupien [zwanzig Dollar] an, aber sie antwortete, dass er trotzdem keinen Tropfen Alkohol bekommen würde. „Für tausend Rupien könnte ich auch einen Schluck von dir bekommen“, erwiderte Sharma und zog die Pistole. Er gab einen Schuss in die Luft ab und schoss ihr dann in den Kopf. Anschließend verließ er mit seinen Freunden die Bar. Das Restaurant war voller Zeugen, und Sharma selbst gestand vor Fernsehkameras, dass er sie erschossen hatte – „Es war mir unangenehm zu hören, dass ich nicht einmal für tausend Mäuse einen Drink bekommen würde.“ In der Gerichtsverhandlung wurde er dennoch von der Anklage des Mordes freigesprochen, vor allem weil zweiunddreißig Zeugen ihre ursprüngliche Aussage zurückzogen.

Später wird der Prozess wiederaufgenommen, und Manu Sharma zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem die Einschüchterungen und Bestechungen von Zeugen durch seine Familie, einschließlich seines Vaters, in einer Zeitung bekannt gemacht wurden. Was in der Hauptstadt zu sehen und lesen ist, bildet nicht die Realität ab, sondern einen Hauch der Fakten auf einer glatten Oberfläche. Die Realität ist reserviert für schlaflose Nächte. In Gedanken und Alpträumen der eigenen vier Wände. Draußen herrschen Oligarchen und zwingen einer haltlosen Gesellschaft ihre Vorstellung von Arbeit, Leben, Wohnen, Identität und Weltanschauung auf. Daraus resultiert am Ende des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts eine Massenbewegung der Proteste und Petitionen. Rana Dasgupta berichtet von menschlicher Zügellosigkeit, die das Fehlen von Skrupeln überschreitet. Die Schere zwischen Land und Stadt, arm und reich, Recht und Unrecht ist auf den ersten Blick unüberbrückbar. Leben und Tod unterliegen immer häufiger arbiträren Bedingungen. Die Grenze, die Kapitalismus und Kannibalismus trennt, scheint in einer Gesellschaft unverhältnismäßigen Reichtums und vernichtender Armut permeabel zu sein. Es kommt zu Organhandel mit Nieren von Jugendlichen aus indischen Slums, die dann in Kanada und anderen Ländern der „entwickelten“ Welt an zahlende Organempfänger verkauft werden. Den (Moral-) Verlust menschlichen Verstandes, offenbar eine Nebenwirkung ungleicher Verteilung, manifestiert sich in extremer Weise im Fall des Geschäftsmanns Moninder Singh Pandhers und seines Kochs Surender Kolis 2009.

Vor Gericht schilderte Koli – aus freien Stücken, weil er, wie er sagte, „sein Gewissen erleichtern“ wollte -, wie er Kindern, meist Mädchen, Arbeit oder Süßigkeiten versprochen und sie damit ins Haus gelockt hatte. Dann erwürgte er sie. Häufig versuchte er, sich an den Leichen zu vergehen, was ihm jedoch nach eignere Aussage nicht gelang. Er zerstückelte sie und entnahm ihnen Organe, die er kochte und verzehrte. Als er zum ersten Mal die Leber eines seiner Opfer, eines jungen Mädchens, probierte, musste er sich, wie er sagte, übergeben; dennoch bereitete er auch weiter aus seinen Opfern Speisen zu. Die Überreste packte er in Plastiktüten und warf sie in den Graben hinter dem Haus.

Am Ende wird der Geschäftsmann Pandher frei gesprochen. Das Geständnis seines Angestellten Kolis führt zu einem „eindeutigen“ Urteil. Das ausschweifende Leben Pandhers mit Sexorgien, zu denen Minderjährige von Koli „besorgt“ wurden, und auch die Tatsache, dass die Gräueltaten allesamt in Pandhers Haus stattfanden, gehen in den erschütternden Aussagen des Kochs unter. Auf die Frage der Beweggründe seines Verhaltens erklärt Koli, er habe beobachtet, wie sein Herr mit seinen Gesellschaften die Kinder „konsumiert“ habe, was er dann in aller Konsequenz bis zum Äußersten nachahmte.

Doch in vieler Hinsicht waren die Armen, die hier malochten, nicht nur „Indiens“ Arme. Sie waren die Armen der Welt.

„…und dort errichten wir eine komplette Private Township. Wir machen da alles selbst. Müllabfuhr, Abwasser. Es wird eine Musterstadt, und wir werden den Einwohnern beibringen, wie man in einer modernen Großstadt lebt.“

Wenn schnelles Geld vom Himmel fällt, wird auffallend wenig an Andere oder die Zukunft gedacht. Wie gut man im Jetzt lebt, bestimmen die repräsentierenden Konsumgüter, die vielerorts den Grad der gesellschaftlichen Anerkennung wiedergeben. Der Preis dafür steht in einem klaren Verhältnis. Reiche werden immer reicher. Arme immer ärmer, und die Mittelschicht lebt in ständiger Angst ins Prekariat abzurutschen. In Indien bleibt der landesweite Fortschritt nach der Liberalisierung weitgehend stecken. Beispielsweise sterben immer noch etwa sechzig von tausend Lebendgeborenen vor dem vollendeten fünften Lebensjahr, während Privatkliniken jährlich Umsatzrekorde verzeichnen. Ein Spekulant, den Dasgupta trifft, sieht unter den gegebenen (exogenen wie endogenen) Faktoren eine große Chance.

„Wir steuern auf eine globale Ernährungskrise zu. Das Klima ändert sich, und viele etablierte Nahrungsmittelmärkte haben massive Probleme. Denken Sie an Australien. Überall herrscht Mangel. Lebensmittel sind das nächste Öl.“

Delhis Bevölkerung wächst laut Volkszählungen zwischen 1991 und 2011 um sieben Millionen Menschen. Die meisten sind arme Migranten aus ländlichen Regionen, deren Land man zur Förderung von Bodenschätzen aufgerissen hatte. Stammesgesellschaften brechen auseinander. Komplette Dörfer oder Kleinstädte verschwinden im Fluss ökonomischer Neustrukturierung. Berufszweige sterben aus. Die Arbeit von Stickern, Töpfern, Holzschnitzern etc. machen neue Fabriken überflüssig. Und Delhis begütertere Haushalte suchen Dienstmädchen, Köche, Chauffeure, Putzfrauen usw. Ein kleiner Teil der Arbeitssuchenden findet in diesem Arbeitsmarktsegment ein Auskommen. Es sind begehrte Stellen. Auch wenn sie keine Arbeitsverträge oder Schutz irgendeiner Form bieten, verspricht eine Tätigkeit im privaten Dienstleistungssektor langfristig Arbeit, sofern man (frau) sich keine Fehler erlaubt. Krank sein wäre so einer. Es gibt viele andere, die sich für den Job anbieten, so dass längere Krankheiten Rausschmiss bedeuteten. In den Slums sind Krankheiten viral, ständige Begleiter der mangelnden hygienischen Bedingungen. Die Fluktuation bei Dienstboten und Hausangestellten ist aus diesem Grund hoch. Einigen Männern, die in die Städte abwandern, gelingt es in Fabriken Arbeit zu bekommen. In der Automobil-, Textil- und Chemieindustrie, oder in der Elektro- und Computerherstellung… Und natürlich kommen viele im boomenden Baugewerbe unter. Aber die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich von Jahr zu Jahr. Delhis Unternehmer lernen von ihren Geschäftspartnern der „hoch entwickelten“ Welt. Warum sollte man langfristige (Tarif-)Verträge unter fairen Bedingungen mit Arbeitern abschliessen, wenn der prekäre Druck im Land ein so guter Partner ist? Jeder Gewinn hat seinen Preis, und der sollte am besten von denen entrichtet werden, die ohnehin im Dreck leben. In Allianz mit einem bis auf die Knochen korrupten Staat entwickeln die zu Bestien geformten Gehirne der Industriellen Produktionsmaximierungen unmenschlicher Gier. Der Mindestlohn von vier Dollar pro Tag ist längst gefallen. Sozialversicherungen bestehen nur auf dem Papier. Arbeitsschutz wird abgeschafft. Vergiftungen, Verbrennungen, Verätzungen, schwere Verletzungen bis hin zu Toten auf Baustellen und in Produktionsketten, sind alltäglich, tragen allerdings wegen mangelnder Gesetze oder Achtung der Menschen in der Regel keine Konsequenzen. Die menschliche Würde ist im globalen Wirtschaftskrieg schon lange gefallen. Indische Textilhersteller, die westliche Ketten beliefern, müssen ihre Ware innerhalb von sechzig bis neunzig Tagen produzieren, sonst drohen Vertragsstrafen. Unter solchen Bedingungen ist alles erlaubt. Der Kriegerethos ist eine natürliche Voraussetzung. Und die indischen Industriellen mit ihren Ausbildungen in den USA, Japan und England lernen schnell.

„Zwei Städte haben wir in unserem Leben gebaut, eine dritte bauen wir nicht mehr.“

Aufgabe eines schlanken Staats ist es, sich so sehr aus dem sozialen wie wirtschaftlichen Leben der Mittelschicht zurückzuziehen (mit der Oberschicht muss er ja ins Bett), dass die ihn möglichst nicht wahrnimmt. Die Armen dagegen haben es mit einem fetten Staat zu tun. Der versucht alles, um den Wohlstand vor der Masse der Armut zu schützen, indem er z.B. den Armen das Recht auf städtischen Raum oder städtische Ressourcen möglichst unzugänglich macht. Die größere bürokratische Last trägt eindeutig die Unterschicht. Diese beinahe schon allgemein gültige Formel veranschaulicht Rana Dasgupta im zwölften Kapitel des Buches, in dem er ein Slum Delhis aufsucht. Mit der selbsternannten Streetworkerin Meenakshi ist er in der Bhalswa Colony unterwegs, eine Siedlung im Norden der Stadt. Die Menschen, die hier leben, wurden fast alle schon mehrfach von der Stadtverwaltung umgesiedelt (begründet mit dem Land Acquisition Act). Die Methoden, die dabei angewendet werden, setzen die institutionalisierte Brutalität in gewohnter Art fort. Bürokratische Willkür herrscht. Erst heisst es; erbringen Sie den Nachweis, dass Sie schon länger als zehn Jahre hier leben; legt man diesen vor, heisst es; erbringen Sie den Nachweis, dass Sie schon länger als zwölf Jahre hier leben, dann hätten Sie Anspruch auf eine Parzelle…Abgelehnt! Hindus, Moslems, Sikhs und Dalit werden zu Zwangsnachbarschaften verpflichtet, oder aber sie verlieren den Anspruch neu zu bauen. Dass es dadurch auf engem Raum zu Kämpfen kommt, ist Strategie. Krankenhäuser oder Polizeistationen sind in Randbezirken mit Hunderttausend Einwohnern nicht vorgesehen. Der einzige Laden, der in Bhalswa polizeilichen Schutz genießt, ist der Schnapsladen. Infrastruktur wie Wasseranbindung, Straßenbau, Stromversorgung oder gar öffentlicher Nahverkehr existieren nur als Versprechungen.

Nach den Slumsäuberungen von Sanjay Gandhi in den Siebzigerjahren leben ländlich verarmte Menschen, die an die Ränder der Hauptstadt ziehen, erst einmal in unbeachteter Ruhe. Fast dreißig jahrelang bauen sie ihre eigenen Städte in der Stadt auf. Und mit der Modernisierung Delhis um die Jahrtausendwende gibt es für viele Männer Arbeit. In der Textilindustrie oder Automobilindustrie, beim Bau der U-Bahn und anderen Großprojekten. Männer die einen Job gefunden haben, holen ihre Ehefrauen und Kinder nach. Und die Frauen bauen neue Heime auf. Sie fechten über Jahrzehnte den häufig aussichtslosen Kampf mit der Verwaltung aus. Sie besorgen Baumaterial und eignen sich alle Gewerke an, die zum Haus- und Straßenbau nötig sind. Sie gründen politische Organisationen und klagen Schulen für ihre Kinder ein. Aber auch ihre Männer in den Fabriken organisieren sich besser und fordern ihre Rechte ein. Dieser politischen Stärkung armer Gesellschaftsschichten liegen der Freedom of Information Act, 2002 und der Right to Information Act, 2005 zugrunde. Mit diesen Gesetzen können sie sehen, ob sie vom Beamten belogen worden waren, mehr Geld bewilligt bekommen sollten oder ohne rechtmäßigen Grund rausgeworfen werden durften. Mit der Vergabe der Commonwealth Games für das Jahr 2010 ändert sich ihre Lage. Die Regierung und Stadtverwaltung sieht das Potential der unterdessen gut selbsterschlossenen „Problemviertel“. Und wieder machen sich die Profiteure der Stunde daran den Armen zu nehmen, was sie sich geschaffen haben. Hunderttausende Menschen werden zwangsumgesiedelt. In eine sumpfige, Chemie verseuchte Gegend, die von Hochwasser gefährdet ist. Es kommt zu widerlichen Szenen. Menschenmassen werden, mit ihren Habseligkeiten bepackt, durch die Straßen Delhis getrieben. Die Commonwealth Games von 2010 kehren den Dreck der vorangegangenen Dekade von Delhis Dekadenz und Korruption ans Licht. Sportliche Großereignisse wie dieses dienen immer häufiger als Motor von Bestechungsskandalen. Mit internationalem Ausmaß. Auf die Art wird es noch schwieriger die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Erstaunlicher Weise haben sich die Menschen bereits an diese Verbrechen gewöhnt. Was allerdings in Delhi, wie in Südafrika, China oder Brasilien nicht mehr einfach so geschluckt wird, ist das abfällige Selbstverständnis der Veranstalter, was die Opfer ihrer Spiele anbelangt.

Man schätzte, dass die Spiele einschließlich der Erschließungsprojekte die öffentliche Hand letztlich siebzigtausend Crore Rupien (vierzehn Milliarden Dollar) kosteten – das Vierzigfache des ursprünglichen Budgets -, und offensichtlich ging die Steigerung zum großen Teil auf ein gigantisches Betrugskartell von Beamten und deren Freunden in Bauwirtschaft und Handel zurück, die zu viel verlangten (berühmtes Beispiel: Toilettenpapier zu achtzig Dollar pro Rolle) und zu wenig lieferten.

Rana Dasgupta trifft in Bhalswa auf eine Gruppe Frauen, von denen einige schon die Säuberungsaktionen Sanjays erlebt haben als auch die Zwangsumsiedlung zu den Commonwealth Games. Es sind Frauen, die bereit sind zu kämpfen. Die Bhalswa Colony soll in naher Zukunft geräumt werden. Der Druck wächst mit jedem Monat, den sie bleiben. Noch stehen die Häuser der Kolonie nicht in Flammen wie einst vor den Spielen. Wieder Mal fasst die Stadtverwaltung ihre Siedlung ins Auge, nachdem sie die Gegend trocken gelegt, so gut es ging mit Wasser und Strom versorgt haben und kurz davor stehen, ihre Siedlung an das Straßennetz Delhis anzubinden. Aber dieses Mal werden sie sich nicht beugen, versichern die Frauen dem Autor. Sie haben bereits zu viel hingenommen. Ihren Kindern wurden die Schulen und Ausbildung genommen. Ihren Männern die Arbeit, weil die Industrie in den Fabriken immer mehr auf mechanische Produktionsabläufe umgestellt hat. Jetzt stehen sie am Schnapsladen und saufen, was sie erbetteln konnten oder im Tagelohn verdient haben. Und sie selbst haben auch noch Jobs als Bedienstete oder Putzfrauen. Wo sollen sie hin? Zurück in das Dorf, aus dem sie vor dreißig Jahren gekommen waren? Dasgupta ist tief beeindruckt von diesen Frauen. Es ist unmöglich menschliche Hoffnung zu zerstören, auch wenn eine völlig degenerierte Elite ihre Bestimmung darin sucht, alles zu besitzen, was sie zwischen die Finger kriegt. Aber ihre Befriedigung erst darin findet, Macht über andere auszuüben.

Es sind beeindruckende Frauen, auch deshalb, weil nichts in ihrem Leben delegiert ist. (…) Sie sind in einer Weise Herr ihrer selbst, wie es die meisten Leute, die ich kenne, nicht sind.

In Delhi – Im Rausch des Geldes teilen alle Menschen, die zu Wort kommen, eine Einsicht. Vom Staat und dem politischen Establishment darf man nichts erwarten. Im Zuge der Globalisierung ist die staatliche Autorität im Schwinden. Regierungen fällt es immer schwerer ihre Aufgaben zentralisiert auszuüben. Global agierende Konzerne und die Finanzeliten entziehen sich nationaler Steuerpflicht oder Gesetze. Die Regierungen verarmen im politischen Sinne. Kaum noch jemand glaubt daran, dass ein Staat seine Anliegen durchsetzen kann. Zweifel könnten auch in das Vertrauen in die Zukunft entstehen. Selbst die Philanthropie wird heute unter kapitalistische Prämissen gestellt, mit dem Ziel Geld zu waschen, Ertrag zu optimieren oder hoch qualifiziertes „Humankapital“ für das eigene Unternehmen herauszufiltern. Traue niemanden und nichts, und wenn du durchkommen willst, dann mach mit.

Es wird noch jede Menge Wasser die Yamuna hinabfließen müssen, bis die bequemen Gehirne der Menschen allmählich in Gang gesetzt werden, wenn bis dahin der Fluss nicht zu einem Rinnsal verkümmert ist.

In der Zusammenfassung geht Rana Dasgupta mit Anupam Mishra an Dehlis Fluss. Die Yamuna. Im Hinduismus der heiligste Fluss neben dem Ganges. Er ist der Grund, weshalb an dieser Stelle die ehrwürdige Stadt entstanden ist. Der Wasserreichtum aus den Bergen des Himalayas trifft hier auf geologisch perfekte Bedingungen. Riesige Wasserspeicher in der Schwemmebene der Yamuna haben den Einwohnern der Stadt jahrtausendelang ein gutes Leben garantiert. Auf Delhis Stadtgebiet wurden in den letzten dreitausend Jahren sieben Städte gegründet. Sie trägt daher den Namen „Stadt der sieben Städte“. Islamische Dynastien, Moguln, Briten machten sie zur Hauptstadt ihrer Reiche. Alle nutzten die guten hydrologischen Voraussetzungen des Ortes. Aber den Briten gefiel das System nicht, Wasser aus den Bassins zu den Häusern zu transportieren. Sie bestanden auf tap water. Sie legten ein Rohrsystem mit Trink- und Abwasserkanälen und begradigten den Fluss (einen Monsunfluss!). Nach der Unabhängigkeit änderte man wenig am britischen System bis die ersten Wasserengpässe auftauchten. Die natürlichen Wassertanks reichen der Megastadt nicht mehr aus. Man holt es aus dem Umland in Tanklastwagen. Ein typisches Bild im heutigen Delhi ist der Tanklaster, aus dem aus vielen kleinen Löchern Wasser spritzt. Und diejenigen, die es sich leisten können, lassen tiefe Brunnen bohren und entziehen so dem System die Restbestände.

Das moderne Delhi entstand aus der Katastrophe der Teilung Indiens, deren verheerende Auswirkungen seine Kultur in Richtung Sicherheit und Autarkie lenkten. Die Besitzungen, auf denen Delhis reichste Bürger Zuflucht vor der Gesellschaft suchen, sind nur die aufwändigsten Erscheinungsformen eines verbreiteteren isolationistischen Ethos. Immerhin ist ja Delhi der Vorreiter der privaten „townships“ Indiens, in denen das von Großunternehmen verwaltete Leben eingezäunt ist, so dass ihre Bewohner von den breiten Strömungen des Landes unberührt bleiben.

Anupam Mishra ist ein alter Mann, längst im Ruhestand, und einer der wenigen, der noch das alte Wassersystem Delhis erklären kann. Er und Dasgupta wandern einen ganzen Tag lang, ein ganzes Kapitel entlang einer ökologischen Katastrophe. Entlang blinder Verschwendung von Trinkwasser (Pools in Herrenhäusern), entlang intensiver Verschmutzung der Yamuna durch ungefiltertes Abwasser und chemische Verklappung in gewaltigen Mengen. Kurz hinter Delhi ist der Fluss schwarz, oberhalb der Stadt ist er klar und fischreich. Seine nahe Zukunft ist ungewiss, erklärt Anupam. Aber am Ende liefert er dann eine Aussicht, die versöhnt. Die Vergänglichkeit unserer Zeit. Die Menschheit ist nur ein Experiment auf Erden. Und man sollte sich nicht so wichtig nehmen, und sich einbilden, alles müsse jetzt geschehen. Einer der wohl gravierendsten und auch strittigsten Aspekte wäre die Behebung der gewaltigen Schäden, die wir der Natur angetan haben und immer zerstörerischer vorantreiben. Es gibt Inseln im Atlantik, die sind (wie etwa Fuerteventura) 250 Millionen Jahre alt, oder die Annamiten mit 400 Milionen Jahren. Die Menschen sind gerade mal seit knapp Zweihunderttausend Jahren fossil belegt. Irgendwann werden unsere Verwüstungen nicht mehr zu sehen sein. Aber dann wird es uns nicht mehr geben.

 

Rana Dasgupta, Delhi – Im Rausch des Geldes, 462 Seiten, Suhrkamp

Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein

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