Ändere Die Welt! – Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen


Monde
In dem im Frühjahr erschienenen Buch Ändere Die Welt! kommentiert der Soziologe Jean Ziegler die aktuelle Weltordnung. Eine Kannibalische. Viele persönliche Erfahrungen und Erlebnisse fliessen in das Buch ein. Aus seiner Arbeit als Nationalrat im Eidgenössischen Parlament, als Sonderberichterstatter der UNO und als Professor der Soziologie. Das lockert die Lektüre auf. Seine existentialistische Prägung ist auch in diesem Werk präsent. Er stützt viele seiner Argumentationen auf soziologische, anthropologische und ökonomische Standardwerke. Ihre präzise Anwendung auf die heutigen Verhältnisse ist dabei bestechend. Vor allem deshalb, weil der 81jährige Schweizer ein Politprofi der alten Schule ist. Die Werkzeuge politischer, soziologischer und philosophischer Analyse sind dem Mann in vielen Jahrzehnten ethischer Aufklärung ins Fleisch übergegangen. Es ist angebracht in der Änderung der Welt zu lesen, auch wenn die Ausübung von Gewalt dieser Tage global ihre brutalste Form gefunden hat. Daran lässt Ziegler keine Zweifel.

Die Gewalt der Warengesellschaft – vor allem in der Werbung – praktiziert das, was Herbert Marcuse als repressive Bedürfnisbefriedigung bezeichnet. Was ist damit gemeint? Die Warenlogik erzeugt selbst die Bedürfnisse, die sie anschließend im Überfluss befriedigt. Der Gebrauchswert verschwindet, der Mensch verliert noch die Erinnerung an der Suche nach dem Sinn. Er wird eindimensional, uniform. Seine Identität liegt in seiner Übereinstimmung mit der Funktionalität der Warengesellschaft.

oder:

Laut dem Jahrbuch der Weltbank kontrollierten 2013 die 500 quer über die Wirtschaftssektoren mächtigsten multinationalen Konzerne 52,8 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts, das heißt des gesamten Reichtums – Kapital, Waren, Dienstleistungen, Lizenzen und so weiter -, der in einem Jahr auf dem Planeten produziert wird.

Ursachen der Misere gibt es viele. In der Regel sind sie nicht so komplex, dass sich daran etwas mit einfachen politischen Mitteln ändern ließe. Die Frage bleibt folglich, wer sie in die Hand nehmen will?

Laut einer Untersuchung, die Global Financial Integrity veröffentlicht hat, eine 2006 in Washington gegründete Nichtregierungsorganisation, die sich um Korruption, Schmuggel, organisiertes Verbrechen und Steuerflucht kümmert, sind durch „anonyme Scheinfirmen, undurchsichtige Steuerparadiese und kommerzielle Geldwäsche im Jahr 2011 fast 1000 Milliarden Dollar aus den ärmsten Ländern der Welt abgeflossen“. Die astronomischen Summen, die illegal aus den Ländern gelangen, werden von Jahr zu Jahr größer. „Der Anstieg betrug 13,7 Prozent gegenüber 2010 und 250 Prozent gegenüber 2002. Von 2002 bis 2011 haben die Entwicklungsländer nach Schätzungen der Studien insgesamt 5900 Milliarden Dollar verloren (…) Das Volumen der Kapitalflucht lag 2011 um das Zehnfache höher als die Netto-Entwicklungshilfe, die im selben Jahr den 150 Ländern gewährt wurde…

Ein grundlegender erster Schritt wäre, fest verkrustete Standpunkte zu verschieben. Geistige Beweglichkeit beschleunigt den Fortschritt. Das rohste Arbeitsmaterial, um ethisch Position zu beziehen. Auffassung und Instinkte lassen sich schärfen. Immer und überall. In der Familie, in der Arbeit, in den Schulen und Universitäten, und vor allem im sozialen Handeln. Ein schöner Gedanke findet sich im letzten Drittel des Buches. Jean Ziegler geht da auf die Ideen der generativen Soziologie ein.

Die generative Soziologie brach radikal mit allen Theorien, den marxistischen, den der angelsächsischen Kulturanthropologen und anderen, die eine unilineare Entwicklung der Produktionsweisen, der Symbolsysteme und der sozialen Gebilde postulieren. Für sie gibt es weder „entwickelte“ Gesellschaften noch „unterentwickelte“, noch „Schwellenländer“. Sie bestreiten die Aussage, dass die auf die materielle Produktion ausgerichtete Industriegesellschaft mit ihren vielfältigen Werkzeugen und ihrer schnellen Akkumulation allen anderen Gesellschaften überlegen sei. Jede soziale Organisation – jede Eigentumsordnung, jede Ideologie, jeder Staat, jede Produktionsweise, jedes System der Beziehungen zwischen den Nationen und zwischen den Menschen – ist „gut“, insofern es die Autonomie des Individuums vergrößert, dessen Fähigkeit , sein Leben selbst zu organisieren, ihm einen Sinn zu geben und mit den Widersprüchen fertigzuwerden, die unvermeidlich zur menschlichen Existenz gehören.

Ändere Die Welt! – Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen ist kein moralisches Kochbuch oder versucht eine allgemeine Lösung zu finden, sondern packt den Leser am Ursprung seines sozialen Verhaltens, dem Vertrauen und den Fähigkeiten des eigenen Ichs.

Und als Nebeneffekt zieht man auch noch eine Menge alter Bücher aus dem Regal, die schon lange gelesen sind, aber immer noch zutreffen.

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Ändere die Welt! – Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen, C. Bertelsmann, 2015, 288 Seiten

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