Goon III


by Georg Osswald

by Georg Osswald

Die Anschläge vom 11. September ziehen eine gigantisch breite Spur aller möglichen Publikationen nach sich. Hierzulande ging Reinhard Hesse, der damalige Redenschreiber Gerhard Schröders, im März 2002 mit seinem 320 Seiten starkem Buch Ground Zero (Econ) als einer der ersten Chronisten der Ereignisse an den Start. Es folgten jede Menge denkbare und teilweise völlig irre Verwertungen der Anschläge. Weltweit erschienen unzählige Bücher, Filme, Dokumentationen, Untersuchungsreporte…. Allein der Erfolg des Internetfilms Loose Change zeigt die Wirkung der Anschläge in den Medien. Es ist einer der meistgesehenen Filme, die das Internet zu bieten hat. Der Film, der eine Verschwörung hinter dem terroristischen Akt suggeriert, wurde übrigens schon mehrfach im staatlichen Fernsehen Weißrusslands gezeigt und soll nun als Hollywoodremake in die Kinos kommen. Und der breite Beschäftigungsstrom mit dem Thema 9/11 reißt nicht ab. Kürzlich erschienen, um drei Titel vertretend für Unzählige zu nennen, Das fünfte Flugzeug von John S. Cooper bei KiWi, die Taschenbuchausgabe von Omar Nasiris Mein Leben bei al-Qaida im Goldmann Verlag und Falling Man von Don DeLillo, ebenfalls bei Kiepenheuer&Witsch.

Falling Man ist einerseits der Titel eines Fotos vom 11. September 2001, 9:41 Uhr Ortszeit. Auf ihm ist ein Mann zu sehen, der kopfüber aus einem der brennenden Türme des World Trade Centers in den Tod stürzt. Andererseits ist es der Nom de Guerre des Perfomancekünstlers David Janiak. Kurze Zeit nach den Anschlägen lässt sich Janiak immer wieder, unangekündigt an exponierten Orten New Yorks aus Hochhäusern in die Tiefe fallen. Er ist mit einem Klettergeschirr und Seil gesichert und inszeniert dabei beständig die Pose des realen Falling Man. Für die Einen makaber, für Andere Kunst. Für Lianne Neudecker ist seine Darbietung ein Schuß ins Mark ihrer Verstörung. Für Don DeLillos Roman ist Falling Man Titel und zugleich das psychologische Sinnbild der Familie Neudecker, die im Zentrum seines Buches steht.

Keith Neudecker ist Anwalt. Sein Büro liegt im Nordturm der Twin Towers. Nicht lange, zumindest nicht sehr lange für den Leser. Im ersten Kapitel schlagen die Flugzeuge ein, und er fällt in sich zusammen und mit ihm Keiths Traum eines gesegneten Amerikas.

Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, Zeit und Raum aus fallender Asche und nahezu Nacht. Er ging nordwärts durch Trümmer und Schlamm, und Menschen rannten an ihm vorbei, hielten sich Handtücher ans Gesicht oder Jacken über den Kopf. Sie hatten Taschentücher auf den Mund gepresst. Sie hatten Schuhe in den Händen, eine Frau mit einem Schuh in jeder Hand, rannten an ihm vorbei. Sie rannten und fielen, einige von ihnen, verwirrt und unbeholfen, überall kamen Trümmerbrocken herunter, und Menschen suchten unter Autos Schutz.

Keith Neudecker kehrt am Tag der Anschläge in seine Familie zurück, die er vor geraumer Zeit verlassen hatte. Er ist traumatisiert. In seinem linken Arm stecken Glas, Beton, Teile der Türme. Vielleicht auch Stücke der Attentäter, klärt ein Arzt Keith auf. Dafür gäbe es den medizinischen Fachausdruck menschliches Schrapnell. Keith begibt sich in die Rehabilitation. Physisch und familiär. Der Körper heilt, das Trauma bleibt. Zwischen seiner Frau und ihm entsteht eine neue Leere. Aufgepeppt von gelegentlichem Sex. Der gemeinsame Sohn sucht den Himmel nach Flugzeugen ab. Er spricht nur in einsilbigen Worten, mutiert zu einem kauzigen Kind einer verlorenen New Yorker Ehe.

Keith schafft es nicht mehr in seinen alten Job zurückzukehren. Er widmet sich dem Glücksspiel. Texas Hold’em. Er reist und spielt. Spielt irgendwann auf hohem Niveau. Spielt Turniere. Verdient Geld damit. Er nimmt die Leere seiner Ehe in sich auf. Fliegt von Casino zu Casino. Spielt, setzt, verliert, gewinnt, tauscht Chips ein. Die Orte werden beliebig. Das Spiel irgendwann auch. Amerika ist es schon lange.

Und Lianne verliert sich völlig in der neuen Situation. Für sie gibt es nur noch ein davor und ein danach. Nach diesem Dienstag im September 2001 lebt sie in Angst. Angst vor Allem. Dem Falling Man, vor Krankheit, dem europäischen Freund ihrer Mutter. Der hatte in den siebziger Jahren Kontakt zu irgendwelchen deutschen Terroristen. Angst vor der Nachbarin. Angst davor ihre Fähigkeiten zu verlieren, also Denken, Koordination, Verhaltensmuster, Sprache und Nahrungsaufnahme. Ihr Vater hatte Alzheimer. Bevor er die Stadien der Retrogenese durchlaufen musste, nahm er ein Gewehr und schoß sich in den Kopf. Lianne bleibt die Krankheit erspart. Der Schrecken hängt ihr hingegen für immer nach.

Don DeLillo, Jahrgang 1936, gehört mit Sicherheit, neben Thomas Pynchon, Philip Roth, Denis Johnson und John Updike zu den bedeutendsten lebenden amerikanischen Autoren. Die Themen seiner Bücher kreisen immer wieder um Paranoia, amerikanische Traumata (erinnern wir uns an das hervorragende Buch zu Lee Harvey Oswald), Verschwörungstheorien, Gewalt. Man kennt seine Werke als erzählerisch perfektionierte, rechercheversessene, komplex konstruierte Geschichten amerikanischer Alpträume. In der Regel zwischen fünfhundert und tausend Seiten stark. Diesmal ist einiges anders, nur dem beeindruckenden Umgang mit der Materie Wort bleibt er treu. Falling Man ist 266 Seiten kurz, auf denen DeLillo anhand des Schicksals der Familie Neudecker in die Psychologie seiner Landsmänner kriecht. Die Anschläge vom 11. September und die Krankheit Alzheimer (The Forgetting) sind hierbei eher Leitmotiv und Symbol für eine psychologisch labile, vielleicht schon gescheiterte Gesellschaft. Auf Europäer mag das Buch bisweilen zu stark dramatisiert wirken. Aber es ist nun mal ein amerikanisches Thema und auch ein amerikanischer Autor.

Don DeLillo, „Falling Man“, Kiepenheuer&Witsch, 266 Seiten, Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert

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