Herbst


Im Bielefelder Pendragon Verlag erscheinen seit 2008 die gesammelten Short Stories des Autors, Trommlers und Reisenden Hans Herbst. Kaum jemand in Deutschland beherrscht diese Literaturform so überzeugend wie der Hamburger. Es sind dicht erzählte Geschichten mitten aus dem Leben. Sie stammen aus den Erfahrungen eines immer Reisenden, vom Rhythmus eines geübten Kongaspielers und bestechen vor allem dadurch zwischen den Zeilen zu leben.

„Und alle, die Alten und die Jungen, die Fetten und die Ausgezehrten, die Irren und Sedierten, der Bodensatz und die geglätteten Tränensäcke schwitzten ihre Agonie bei Billigbier und Brandwein vor dumpfen TV-Serien und Werbeblöcken aus. Mobiltelefone klebten ihnen wie mitgewachsene Organe an den Köpfen und gaben ihnen die Sicherheit, daß die Verbindung nach Nirgendwo nicht abriß.“

Wenn man Sätze, wie diese liest, könnte man meinen in eine metallene Welt voller Kratzer und Beulen hinausgeschleudert zu werden, begleitet von einem lang gezogenen Quietschen, das nach verbrennendem Kokain riecht, und ihre Luft glänzt wie die, um die goldenen Engel in den Kirchen, bloß zieren die Engel in den Kirchen keine Pausbacken, sondern man schaut in einen stechenden Blick hinter schmalen Gesichtern, und sie erzählen Geschichten vom Leben, und es sind keine Geschichten vom ewigen Leben, sondern vom gegenwärtigen Leben, einem Leben in einer unbarmherzigen Stadt, ihrer Menschen und deren Schuld, und vor allem von dem Geschmack der Not und der Gier einmal abzusahnen. Sie erzählen Geschichten von unvergesslichen Augenblicken und wahren Menschen, der condition humaine, und man fühlt, wie einen die Töne, Farben und der Rhythmus der Sätze packen, die Hans Herbst schreibt, so wie die Hoffnung jeden Menschen packt, wenn nichts anderes mehr zu hoffen und zu schreiben ist, als den nächsten Tag möglichst anständig über die Bühne zu schaukeln.

Und mitten im Grübeln tritt eine Idee in die trüben Gedanken, wenn man zum Beispiel sein Auto ummeldet, sie fällt direkt vor die Füße, wie geradewegs von Alpha Centauri auf den Boden herunter, und mit ihr der Tip, nächsten Freitag drüben bei der Kfz-Ummeldestelle mit einem halbgärigen Kumpel zusammen den großen Coup zu drehen, weil man mit den Nummernschildern unterm Arm beobachten kann, wie die dicken Scheine in die Staatskasse eingezahlt werden. Kaum Sicherheitsvorkehrungen, kleines Risiko, eine saubere Sache, die Pistole vorgehalten, keine Gewalt, es wird bar bezahlt und das Geld gehört ja sowieso nur dem Staat, ohne Wendungen und Aberwitzigkeiten. Wer hat so denn noch nie gedacht? Seiner kriminellen Energie freien Lauf gelassen? Nichts ist unmöglich. Gerade heute nicht. Kommt es denn nicht immer noch darauf an, den Unterschied zu sehen, zwischen der Liebe, und der Vorstellung, die man von ihr hat?

In den Stories von Hans Herbst erfährt man genau diesen schmalen Grad, der es ausmacht Gedanken in Taten umzusetzen, Emotionen und Erklärungen in die richtigen Worte zu fassen, anstatt Projekte in Seifenblasen und Luftschlößer umzubauen. Er schreibt an dem Punkt, den jeder kennt, wenn man auf dem Boden liegt und wieder aufstehen will, aber doch wieder vor dem Leben in die Knie gehen muss. Bei Hans Herbst kann man es lesen, das Lieben und die Musik des Überlebens und in ihrer Mitte ein Amalgam aus beidem.

Stille und Tod, Hans Herbst Edition, Literatur Stories 4, Edition Band V, 1. Auflage
312 Seiten

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The Parasitic Ward
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