Peace

by Georg Osswald

Von 1975 bis 1980 werden zwischen Manchester und Leeds eine Reihe junger Frauen entführt, geschändet und ermordet. Es sind die dunkelsten Jahre in der Polizeigeschichte Nordenglands. Weil an seinem Auto falsche Nummernschilder angebracht sind, wird im Januar 1981 Peter Sutcliffes Wagen angehalten. Bei ihm befindet sich eine Prostituierte. Außerdem sind ein Messer, ein Hammer und ein Strick in dem Fahrzeug. Die typischen „Werkzeuge“ des Yorkshire Rippers. Peter Sutcliffe wird mitgenommen. Drei Tage Später gesteht er dreizehn Morde und sieben schwere Attacken auf Frauen und Mädchen. Ein ganzer Landstrich atmet wieder auf. David Peace war zu jener Zeit ein Junge, der in dieser Gegend aufwuchs. Heute ist er vierzig Jahre alt, lebt in Tokio und hat über den Ripper und das damalige Yorkshire geschrieben. Vier Romane. 1983 ist der vierte und abschließende Band seines Red Riding Quartetts. Die ersten drei sind 1974, 1977 und 1980.

Du hast Träume…

1983 verschwindet wieder ein Schulmädchen in Yorkshire. Detective Chief Superintendent Maurice Jobson übernimmt die Ermittlungen. Wenige Tage später präsentiert Jobson einen Hauptverdächtigen. Als der angeblich Selbstmord in der Untersuchungshaft begeht, beginnt der Anwalt John Piggott den Fall zu hinterfragen. Dazu muss er runtersteigen in die Schattenwelt Yorkshires. Pornohandel, dubiose Immobiliengeschäfte und Kindesentführungen, die bis in die höchsten Kreise der lokalen Politik reichen, pflastern seine Recherchen.

Und in Deinen Träumen…

1983 liest sich wie das Gegenmodell zu den Vorgängerromanen der Serie. Seine drei Erzählstränge ergänzen, was in der Hysterie auf der Jagd nach dem Ripper und dessen Festnahme verloren ging. David Peace führt den Leser aus der Sicht des Polizisten Jobson und der des Anwalts Piggott auf die Pfade in die Vergangenheit von Mord und Machtbesessenheit. Der dritte Erzählstrang wird aus der Perspektive einer verlorenen Seele erzählt und leuchtet wie ein weiterer Lichtstrahl in den dunklen Raum, der nach wie vor um Peter Sutcliffe herum besteht. Zusammen ergeben die drei Parallelerzählungen das Finale des Red Riding Quartetts. Der große Plot am Ende einer Epoche. Und der ist hässlich.

In deinen Träumen hast du Flügel…

Alle vier Bücher sind literarisch schwer vergleichbar. Sie werden bestimmt von einem so enorm hohen Erzähltempo, dass man dazu geneigt ist, sich vor der Lektüre innerlich anzuschnallen. Das zentrale Thema in ihnen ist Mord. David Peace erspart dem Leser nichts. Wenn der große böse Wolf das Rotkäppchen zu fassen kriegt, dann fließt eben Blut, und am Ende ist das Mädchen tot. Es ist abstoßend, brutal, zerstörend. Man kann es sich vielleicht so vorstellen: der Autor David Peace wandert auf dem Boden eines tiefen, schwarzen Abgrunds herum und blickt immer mal nach oben. Und dort schaut er in die vom Wahn getränkten Gesichter all derer, die zu lange hinabstarren, und beschreibt, was er in ihnen sieht.

Doch all diese Flügel in all deinen Träumen…

Zum Glück seiner Leser ist David Peace ein Besessener. Besessen vom berühmten Zwang zur Prosa. Elf Stunden täglich schreibt er. Vier schläft er. Den Rest des Tages widmet er seiner Familie. Momentan arbeitet er an einer Tokio Trilogie, der wie auch beim Red Riding Quartett die Geschichten realer Serienmörder zugrunde liegen. Im ersten Tokio-Band mordet ein Mann im von den Amerikanern besetzten Nachkriegs-Japan. Es ist heiß, der Nuklearwind von Nagasaki und Hiroshima weht trocken über das Land, und neben den vielen Kriegs- und Strahlungstoten in den Gräben liegen auch noch missbrauchte, zerrhackte Frauenkörper. Peace sagt in einem Interview, dass wenn die Ripper Bücher grau waren, die Japan Bücher schwarz werden.

Sind riesige, verrottende Dinger…

Die Bücher von David Peace sind im Liebeskind Verlag lieferbar.

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Der stille Krieg Amerikas

“Und ich will Wunderzeichen geben am Himmel und auf Erden: Blut, Feuer und gerader Rauch; die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.”

Joel 3, 30-31

1982 beginnt der in München geborene Amerikaner Denis Johnson, Autor von Engel, Jesus Sohn, Schon tot und vielen anderen Ausnahmeromanen, mit der Arbeit an Ein gerader Rauch. Zwanzig Jahre recherchiert er, skizziert Handlungsstränge, kleidet reale Menschen in Romanfiguren, weckt Leben in leeren Gestalthüllen, entwickelt Sprache, schreibt die Handlung, erinnert sich bestimmt auch an seine Jugendzeit, als er mit seiner Familie, sein Vater ist ein ehemaliger G.I., auf den Philippinen oder Japan stationiert gewesen war. Die jungen Jahre im Ausland, der frühe Griff zu Alkohol und Drogen, der spätere Entzug und das damit einhergehende Finden zu Gott fließen in den großen Roman mit ein. Während im Stillen der gerade Rauch entsteht, während der zwei Jahrzehnte der Vorbereitung, publiziert er eine handvoll Romane, zahlreiche Theaterstücke und Kurzgeschichten. Denis Johnson ist überdies Kolumnist beim Esquire, New Yorker und der Paris Review.

Im Auftrag von Esquire und New Yorker war Johnson zweimal nach Liberia, einmal nach Somalia und in den Irak zur Operation Desert Storm gereist, hatte Charles Taylor aufgesucht und andere Warlords getroffen, und war, wie man eindringlich in dem 2001 erschienenem Reportagenband Seek: Reports from the Edges of America and Beyond nachlesen kann, auf tiefste menschliche Abgründe in Zeiten des Krieges gestoßen. Mit Sicherheit haben diese Erfahrungen Johnson dazu bewegt sein Langzeitprojekt endlich abzuschließen, denn wie in den Reportagen auch, beschäftigt den Autor darin der Krieg, oder besser noch Amerika und der Krieg. Vor allem aber stellt er eine viel tiefer liegende Frage. Die Frage nach der Entstehung von Gewalt. Wann übt ein Mensch Gewalt aus? Wie kommt es dazu? Und wie geht er nach dem vollzogenen Gewaltakt damit um?

Der gerade Rauch

2007, nach weiteren fünf Jahren, die Johnson ausschließlich der Arbeit zu Ein gerader Rauch widmet, ist es geschafft. Tree of Smoke, so lautet der Originaltitel, ist achthundertundachtzig Seiten stark und erinnert nicht nur im Titel, sondern auch im Aufbau an einen Baum. Zu Beginn wachsen die Geschichten der Protagonisten in einem starken Stamm zusammen, um sich im Verlauf der Handlung in den Wirren des Vietnamkrieges zu verlieren, der sich wie eine Krone über allen einzelnen Schicksalen ausbreitet. Zeit der Handlung sind die sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahre. In ihrem Zentrum stehen William „Skip“ Sands und sein Onkel, Colonel Sands. Beide sind bei der CIA beschäftigt, der Jüngere naturgemäß unter dem Kommando des Älteren. Der Colonel ist eine lebende Legende, zudem ist er die treibende Feder der Handlung, und zuletzt ist er der „Namensgeber“ von Ein gerader Rauch.

Aufklärung und Analyse

1947 beruft Präsident Truman die zivil strukturierte CIA ins Leben, nachdem ihre militärische Vorgängerorganisation, der OSS (Office of Strategic Services), im theoretischen Ansatz überholt erscheint. Zurück aus dem Zweiten Weltkrieg, im Felde ausgezeichnet, bewirbt sich der irischstämmige Colonel Sands bei der jungen Organisation. In den ersten Jahren übergeht ihn der Geheimdienst. Der Colonel nutzt diese Jahre und treibt seine militärische Karriere voran. Die meiste Zeit ist er in Südostasien beschäftigt. Anfang der fünfziger Jahre nimmt die CIA ihn schließlich auf. Ihm liegt das Geschäft und er klettert die Karriereleiter nach oben. Innerhalb des Nachrichtendienstes inszeniert er sich selbst nach der Figur des Colonel Kurtz aus Joseph Conrads Herz der Finsternis, was ihm bei seinen Kollegen eher Feinde als Freunde einbringt. Als dann 1964 Amerika der nordvietnamesischen Republik den Krieg erklärt, ist der Colonel schnell ein gefragter Mann.

In Vietnam befehligt Colonel Sands seine eigene kleine Einheit und genießt unter anderem die Vorzüge eines „privaten“ Hubschraubers aus Armeebeständen. Als er 1966 auch noch seinen Neffen Skip Sands in sein Unternehmen „Landezone“ miteinbezieht – Skip ist offiziell in Vietnam, um landestypische Volksmärchen zu sichten – beginnen einige Karrieristen aus CIA und PSYOPS (Psychological Operations) am Denkmal des Colonels zu kratzen. Der Colonel lässt sich nicht beirren, sondern folgt weiter seinem eigenen „dritten Weg“. Ihm gelingt es einen nordvietnamesischen Spion zum Doppelagenten umzudrehen, den er unter allen Umständen vom Rest der Agency fernhalten möchte. Kurz darauf sickern Skizzen des Aufsatzes „Einfluss der Kommandoebene“, die der Colonel für das interne Presseorgan der CIA, Studies in Intelligence geschrieben hat, an die falschen Männer im Nachrichtendienst, und der Colonel wird mit einem mal zum Gejagten. Seine Ansichten in dem Artikel zerren zu sehr an der Legitimation des Krieges. Die Kernaussage des Aufsatzes ist die Theorie vom geraden Rauch. Sie besagt, dass sich die zwei zentralen Funktionen eines Geheimdienstes, die Aufklärung und die Analyse gegenseitig kontaminieren. Dadurch entstehe Druck von Oben sowie Druck von Unten innerhalb einer Kommunikationskette. In der Kommandoebene werden Richtlinien vorgegeben, der Druck von Oben, die der vorauseilende Gehorsam der Informanten, der Druck von Unten, versucht zu kompensieren. Das Kettenglied dazwischen schreibt der Colonel zur Isolation aus, um beiderseitigem Druck auszuweichen und unabhängig agieren zu können. In den Worten des Colonels klingt das folgendermaßen:

“Man ziehe nur die Möglichkeit in Betracht, dass eine geschlossene oder isolierte Gruppe dafür optieren könnte, Dinge zu erfinden, die unabhängig davon sind, was die Regierung für ihre eigenen Bedürfnisse hält. Und dass sie diese Geschichten dem Feind zuspielen könnte, um Entscheidungen zu beeinflussen.”

Dass diese Einstellung im amerikanischen Nachrichtendienst nicht gerne gelesen wird, ist verständlich. Gerade erst hatte man den alten Mief des OSS aus den Klamotten geschüttelt. Die Ziele waren neu abgesteckt worden. Die alten Mittel wie operative Beschaffung von Informationen, Desinformation, psychologische Kriegführung, Partisanen-Unterstützung, Asymmetrische Kriegführung, Sabotage und Spionageabwehr gehörten in die dunkle Zeit des zweiten Weltkrieges. Unterdessen hatte man mit der Sowjetunion und dem KGB zu tun. Das große neue Ziel hieß smart zu sein, um die Russen nicht zu verärgern. Welche Farce sich in dieser Hinsicht in Vietnam abspielte, zeigt Denis Johnson anhand der Figur des Colonels und seines Neffen Skip Sands auf. Allein der reale Kriegseintritt der USA in Südostasien, unter Vorbehalt des Tonkin-Zwischenfalls, beweist die Wahrhaftigkeit der Theorie vom geraden Rauch.

Tonkin

Im August 1964 werden angeblich zwei amerikanische Kriegsschiffe im Golf von Tonkin von nordvietnamesischen Schnellbooten angegriffen. Diesen Zwischenfall nimmt die Regierung um Präsident Lyndon B. Johnson zum Anlass in die kriegerischen Handlungen zwischen Nord- und Südvietnam aktiv einzugreifen. Bereits 1971, auf dem Höhepunkt des amerikanischen Vietnamkrieges, veröffentlicht der Regierungsmitarbeiter Daniel Ellsberg einen Bericht, die so genannten Pentagon-Papiere. Darin wird die Darstellung des Tonkin-Zwischenfalls durch die ehemalige Regierung als bewusste Falschinformation entlarvt. Und 2005 gibt die NSA (National Security Agency) schließlich öffentlich bekannt, dass der Vietnamkrieg aufgrund einer Falschmeldung an Präsident Johnson begann. Verständlich, dass ein Autor wie Denis Johnson verlockt wurde diese historische Agitation seines Heimatlandes als Nährboden zu einem Roman anzulegen.

Marodierende Familienverhältnisse

Es ist eine gewaltige Geschichte, die Johnson in Ein gerader Rauch aufgeschrieben hat. Neben Skip Sands und dem Colonel agieren andere. Zum einem lernen die Denis Johnson Leser die Vorgeschichte der Houston Brüder kennen, deren letztes Schicksal man schon in dem Buch Engel lesen konnte. Ihre Desillusionierung nimmt hier, in Vietnam, ihren Anfang und endet in der völligen Aufgabe ihres Ichs, zerrüttet vom Krieg und Drogen, oder beides, gezeichnet von maroden Familienverhältnissen, verloren im globalen Gehabe ihrer Nation. Zum anderen ist da Kathy Jones. Eine Krankenschwester, die nach dem Tod ihres Mannes, eines Missionars auf den Philippinen, eine Affäre mit Skip Sands eingeht und wie durch ein Wunder während des Vietnamkriegs einen Flugzeugabsturz überlebt. Auch sie büßt in den Ungeheuerlichkeiten des Elends ihre Identität ein, findet aber am Ende zu sich zurück. Die Menschen in Ein gerader Rauch kommen zusammen, um sich bald darauf wieder zu verlieren, und dabei verlieren sie viel mehr, eine Freundschaft, eine Liebe, oder wie die Hauptfigur Skip Sands hören sie auf zu glauben und zu lieben. Eines ist allerdings allen Menschen in Ein gerader Rauch gemeinsam. Alle verlieren die Sicht auf die Realität und darüber die Möglichkeit zu leben.

Töten, vögeln und Drogen nehmen

Der Handlung, ihrer Figuren und vor allem der Dialoge wohnt eine eigene Welt inne, die wie bei einem organischen Organismus abgeschlossen ist. Das Erzählte hat gewissermaßen ein Äußeres gebildet, eine permeable Haut. Die Sprache Denis Johnsons’ steht für sich. Und die Dialoge tragen die Dynamik des Buches. In den Unterhaltungen zwischen dem Colonel und Skip liest man zwischen den Zeilen unverkennbar mit, dass sich Onkel und Neffe nie wieder näher kommen werden als in Vietnam. Und beide wissen das auch. Ihre gemeinsame Beziehung ist der Krieg. Beinahe alle Figuren Johnsons scheinen auf absurde Weise nur in einem Krieg zu funktionieren. James Houston spricht das als einziger deutlich aus, als er von seinen Vorgesetzten vernommen wird, um schließlich ehrenvoll aus der Armee entlassen zu werden. Zuhause untersagten ihm die Gesetze so zu sein, wie er wirklich ist, in Vietnam hingegen werde von ihm verlangt, genau das zu tun, was er immer schon tun wollte. Töten, vögeln und Drogen nehmen. Auf die Frage, warum er denn töten wolle, kann der junge Houston allerdings keine eindeutige Antwort geben. Der Drang liege eben in ihm. Er wisse nicht warum.

Ewige Gewalt

In Denis Johnsons Fragestellung nach der Entstehung von Gewalt ist bereits ein Teil der Antwort enthalten. Die Psychologie jedes Menschen trägt die Bereitschaft zur Gewaltanwendung in sich. Wann diese Seite bei den Menschen an die Oberfläche tritt, ist abhängig von den äußeren Umständen. Die äußeren Umstände eines Krieges setzen die natürliche Schwelle Gewalt auszuüben herab, legitimieren sie sogar. Trotz allem kann niemand, so wie James Houston, sagen, wann er über diese Schwelle geschritten ist. Denis Johnson gelingt es in Ein gerader Rauch anhand sechs unterschiedlicher Menschen einige mögliche Antworten zu liefern. Aber mit Sicherheit wird man auf dieses Thema in kommenden Werken des Autors immer wieder stoßen, denn die Frage – Wann entsteht Gewalt? Wie kommt es dazu? – ist eine Ewige.

Ein gerader Rauch, Rowohlt, von Denis Johnson, aus dem Amerikanischen übersetzt von Bettina Abarbanell und Robin Detje

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Walter Serner

by Lena Niskanen

Kosmos Serner – Ein kleines Portrait über einen der ganz Großen, das ich für das culturmag geschrieben habe. Einfach dem Link folgen.

Viel Spaß beim Lesen

Roland

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Jean-Patrick Manchette

by Georg Osswald

Mit einem Schlag auf Seite Eins – der Broterwerb eines Schriftstellers

Geschriebenes unterliegt, wie alle anderen Werte in dieser Welt, den gängigen Marktgepflogenheiten. Der Autor ist Unternehmer. Sein Produkt sind Worte und Sätze, die Geschichten erzählen. Das ist die Ware. Wie gut die Ware läuft, bestimmt der Kunde. Geht man davon aus, dass heutzutage schon alles zu Papier gebracht worden ist, jede Idee von vorne und von hinten her erzählt wurde, selbst jede Provokation bereits zur Langeweile führt, der Mensch gewissermaßen zum Spielball der gebotenen Spektakel wird, ob in der Presse, im Fernsehen oder sonst wo, hat es die Ware Wort schwer. Und dennoch verkauft sie sich. Immer wieder. Jemand, der das wissen wollte, ist Jean-Patrick Manchette.

Geboren 1942 in Marseille, studiert er Anfang der sechziger Jahre Anglistik in Paris. 1962 bringt Manchettes Lebenspartnerin Georgette Petcanas den gemeinsamen Sohn Jean Tristan zur Welt. Sie leben zu dritt in einem kleinen Pariser Appartement. Die Miete beträgt 600 Francs, Manchettes monatliches Ausbildungsgeld lediglich 800 Francs. Eine finanziell untragbare Situation. „Ich habe mich auf einmal in der Notwendigkeit gesehen, mich und meine kleine Familie zu ernähren“, erklärt er den Anfang seiner Schriftstellerkarriere. Er beginnt Drehbücher und Romane zu schreiben, in der Regel unter Pseudonym, häufig als Co-Autor, oder beides. Das Produkt ist bei diesen Arbeiten Nebensache. In erster Linie geht es um die Miete. 1971 erscheint dann das Buch Laßt die Kadaver bräunen!. Eine Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Bastid. Bastid, geboren 1937, ist bereits etabliert im kulturellen Betrieb der Grande Nation. Der ehemalige Assistent Cocteaus ist Autor und Filmemacher, Essayist und Theaterschreiber, Mitgestalter der Nouvelle Vague. Bis heute verfasst er zahlreiche Bücher und realisiert über zwanzig Filme. Die „Kadaver“ schlagen im damaligen Literaturbetrieb ein wie eine Bombe im Weißen Haus. Der französische Kriminalroman, auch Polar genannt, scheint neu begründet. Das Buch erschafft den Begriff „Neo-Polar“. Bastid, und nun auch Manchette stehen mit einem Schlag auf Seite Eins der französischen Unterhaltungsindustrie. Beide haben die 1956 erschienene Gesellschaft des Spektakels von Guy Debord gelesen und sehen einige runde Ideen bei den Situationisten. Die Überwindung eines inzwischen gleich geformten Kunstbegriffs, Kritik an der konsumorientierten Kapitalgesellschaft, und gleichermaßen an der Diktatur des realen Sozialismus. Die Kunst ist tot. Der Mensch kann in ihr bloß als Spielball eines Spektakels gesehen werden. Oder wie Stephen Hastings-King es formuliert: „Die Situationistische Internationale war eine kleine transnationale Gruppe von Künstler-Revolutionären, die aus der neo-dadaistischen Lettristen-Bewegung hervorging. (…) Geübte Provokateure, die darauf aus waren, die Beschränkungen künstlerischer Produktion zu überwinden…“ Darüberhinaus teilen Bastid und Manchette die Liebe zur amerikanischen Hard-boiled-Literatur. Der Krimi (Polar) scheint ihnen die bestgeeignete Form die Gesellschaft treffend zu beschreiben. Vor diesem Hintergrund war Laßt die Kadaver bräunen! entstanden und hatte den französischen Kriminalroman revolutioniert. Während Jean-Pierre Bastid sich danach anderen Ausdrucksformen zuwendet, entwickelt Manchette den neu entstandenen Polar zur Perfektion. Sein nächstes Buch stiftet Verwirrung. Anfangs, so erklärt Manchette in einem Interview, wussten die Lektoren und Verleger nicht, wie sie mit der Affäre N’Gustro umgehen sollten, da das Buch aus der Sicht eines jungen Rechtsradikalen geschrieben ist. Sie waren unsicher, ob dieser Manchette ein Rechter oder Linker ist. Zudem nimmt die Geschichte starken Bezug auf das Verschwinden und den folgenden Tod des marokkanischen Exilpolitikers Ben Barka während eines Frankreichaufenthalts. Bis heute beschäftigen sich immer wieder Aufklärungskommissionen mit diesem Fall. Dass die SDECE, die CIA, der MOSSAD und noch andere Nachrichtendienste ihre Finger mit im Spiel hatten, wird nicht mehr dementiert. Die vollständige politische Aufklärung der Ereignisse vom 29 Oktober 1965 vor der Brasserie Lipp, und vor allem die der Folgetage, werden wir nie erfahren. Die Akten bleiben der Öffentlichkeit verschlossen, und sind mit großer Wahrscheinlichkeit komplett neu geschrieben. Eine der vielen möglichen Lesarten der Geschehnisse ist die Affäre N’Gustro.

In seinen Romanen splittert Manchette die genrespezifischen Beschränkungen in seine Einzelteile und kloppt sie, wie Würfel in einem neuen Spiel, gegen die Wand. Er bricht gewohnte Erzählstrukturen und weicht die Linearität der Zeit auf. Gerne eröffnet er seine Romane mit dem Ende der Geschichte. Wesentliche Plots sind früh bekannt. Man weiß, dass der Protagonist gestorben ist, oder dass er zwei Menschen erschossen hat und auf dem Periphérique von Paris im Kreis fährt, oder, dass eine anarchistische Terrorgruppe von der Polizei ausgelöscht wurde. Was den Autor Manchette antreibt, ist ein Milieu zu beschreiben; weshalb, und wie desillusionierte Menschen zur Gewaltanwendung finden, und, wie der Staat darauf reagiert. Der behavioristische Schreibstil der amerikanischen Noir Autoren Hammett und Chandler, dessen Manchette sich bedient, potenziert, auf dem Pfad in ein pointiert beleuchteten Lebenskreis, die filmische Atmosphäre seiner Bücher. Der Autor richtet sein Auge, wie eine Filmkamera, fast ausschließlich auf das unmittelbare Geschehen. Mehr als ein verkniffenes Gesicht oder ein Runzeln auf der Stirn findet man selten in den Romanen Manchettes. In den Beschreibungen regieren Produkte, Markennamen und detaillierte Waffenkunde die Szene. Innerhalb eines Jahrzehnts schreibt sich der junge Autor an die Spitze der modernen französischen Literatur. Es erscheinen knapp ein Dutzend Kriminalromane, von denen beinahe alle verfilmt wurden. Das Produktionsvolumen, das Manchette in dieser Dekade vorlegt, ist gewaltig. Neben den Romanen entstehen zahlreiche Drehbücher und Filmadaptionen, ein Theaterstück, Kurzgeschichten, und ein Comic, außerdem übersetzt er zehn Romane aus dem Englischen und Amerikanischen, er arbeitet bei Tageszeitungen und Zeitschriften, und leitet eine Zeitlang ein Wochenblatt. Doch dieses hohe Tempo zeigt schon bald seine Kehrseite. Anfang der Achtziger Jahre scheint der Autor ausgebrannt. Vielleicht bewegt ihn auch die Angst sich zu wiederholen? Das geliebte Enfant Terrible, dekoriert mit zahlreichen Auszeichnungen, als „Vater des Neo-Polar“ betitelt, zieht sich immer mehr zurück. Manchette suchen Phobien heim, die es ihm unmöglich machen das Haus zu verlassen. Die Enge eines Kinosaals wird unerträglich, und sein Sohn Douglas Headline (manchette hat im Englischen auch die Bedeutung headline) schaut für ihn die neu ins Kino kommenden Filme. Er muss sie Szene für Szene nacherzählen, damit der Vater weiterhin Filmkritiken schreiben kann. Die Verfassung Manchettes verschlechtert sich, und nach und nach stellt er all seine Kolumnen ein. Position: Anschlag liegend (1981) ist sein letztes Buch für eine lange Zeit.

1984 wird Gerard Lebovici, ein bedeutender Situationist, ermordet. Für den ohnehin angeschlagenen Manchette setzt dieses Ereignis das Ende an eine Epoche des Aufruhrs. Der Polar erscheint ihm nicht mehr zeitgemäß. Hin und wieder erscheinen Rezensionen oder kleine Erzählungen. Und er übersetzt weiterhin regelmäßig aus dem Amerikanischen, unter anderen Donald Westlake und später Ross Thomas. Douglas Headline umschreibt diesen Abschnitt im Leben seines Vaters folgendermaßen: „Während des „Schweigens“, das es den Journalisten derart angetan hat, nimmt das Paradoxon geradezu absurde Züge an, und der Name Manchette wird gewissermaßen zum Zauberstab. Schreibt er etwa einen Artikel um auf den hochinteressanten Roman von James Ellroy Blood on the Moon aufmerksam zu machen, so wird das Buch zum Bestseller. Übersetzt er einen Comic, erhält er einen Grand Prix beim Festival in Angoulême. Gibt er einer Zeitung ein Interview, so löst das helle Entzückung aus. Seit er „schweigt“ , ist seine „Aura“ so strahlend wie nie zuvor.“ Den Amerikaner Ross Thomas trifft Manchette auf der Semana Negra 1987 in Gijón (ein internationales Treffen für Kriminalbuchautoren). Für Manchette ist diese Begegnung prägend. Der Spannungsroman, wie ihn Ross Thomas aufbaut und umsetzt, inspiriert ihn einen Buchzyklus zu verfassen, Les Gens du Mauvais Temps. Menschen in schweren Zeiten ist das Konzept historisch periodisch zu arbeiten, also den Plot unter die Begebenheiten eines bestimmten geschichtlichen Ereignisses zu stellen, und im Verlauf mehrerer Bücher zur heutigen Zeit aufzuschließen. 1989 beginnt Manchette mit dem ersten Buch dazu, Die Blutprinzessin. Darin führt er anhand einiger politischer Umstände aus dem Jahr 1956 das Leben verschiedener Charaktere zusammen. Das Zusammentreffen eines Waffenhändlers, einer Kriegsberichterstatterin, eines alternden Geheimdienstlers und eines Söldners mit den Nachrichtendiensten aller beteiligten Länder ist gewaltig. Die Geschichte ist akribisch genau recherchiert, scharf konstruiert und in gewohnter Manier gut erzählt. Die Schauplätze sind Frankreich, Ungarn, Algerien und Cuba. In den folgenden Jahren bereist Manchette diese Länder für die Recherche zur Blutprinzessin.

1956 ist das Jahr der Initialisierung für die Situationistische Internationale. Seit dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei in Moskau sind die Verbrechen Stalins bekannt. Im Oktober 1956 erheben sich Arbeiter und Studenten in Ungarn und zwingen die sozialistische Regierung in die Knie. Die Sowjetunion interveniert, und eine russische Panzerdivision rollt an der Donau in Budapest ein. Der Aufstand wird niedergeschlagen. In Frankreich und vielen anderen Staaten lösen die Demonstrationen in Ungarn, und vor allem deren Niederschlagung politische Grundsatzdiskussionen aus, treten gesellschaftliche Konflikte los und erschaffen revolutionäre Gruppierungen wie die Situationisten. Auch der seit 1954 anhaltende Krieg zwischen Frankreich und Algerien dürfte dabei eine große Rolle gespielt haben. Kein Wunder also, dass Manchette dieses Jahr zum Ausgangspunkt seiner Serie bestimmt. Aber wieder greift eine Krankheit in das Leben des Autors ein. Ihm wird 1991 Krebs an der Bauchspeicheldrüse diagnostiziert, dem er am 3. Juni 1995 erliegt. Die Blutprinzessin und somit der gesamte Zyklus bleiben leider unvollendet. Sein Sohn Douglas Headline, der später eine Buchreihe eines französischen Verlags leitet, veröffentlicht die „Prinzessin“ posthum, anhand der ersten Fassung und der Aufzeichnungen, die er finden kann.

Das Werk Manchettes sollte in jedem Bücherregal eines Krimiliebhabers einen festen Platz haben. Insbesondere die 2005 in Deutschland erschienenen Chroniques sind fundamental (Anmerkung: die Original-Chroniques sind umfangreicher). Es sind gesammelte Literaturkritiken Manchettes. Essays zum Roman Noir und dem Kriminalroman. Im Vorwort beschreibt der Autor an fünf Punkten, wie er seine Brötchen verdient (Cinques remarques pour mon gagner-pain), und führt aus, dass das Geschichtenerzählen und –lesen noch immer etwas wert ist, obwohl alles schon einmal erzählt wurde, und die Kunst längst tot ist.

Im Distel Literatur Verlag sind die Romane und „Chroniques“ von Jean-Patrick Manchette lieferbar.

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